Ärzte Zeitung, 04.02.2010

Ein Museum, in dem nur die Blinden sehen

Räuber sprühten ihm vor acht Jahren bei einem Überfall Spray in die Augen. Markus Hanitz (35) erblindete. Jetzt arbeitet er als Guide in einem ungewöhnlichen Museum in Frankfurt am Main. Er erklärt Sehenden, wie es ist, wenn man nichts mehr sieht.

Von Gesa Coordes

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"Die wahren Blinden sind die Sehenden." Markus Hanitz Guide im Frankfurter Dialogmuseum

FRANKFURT. Ohne den blinden Guide wären die Besucher verloren. "Folgen sie einfach meiner Stimme", sagt Markus Hanitz. Sehen kann ihn niemand. Und ein Trupp von acht Besuchern - Studierende mit Kindern - tapst unsicher mit dem Blindenstock umhertastend hinter ihm her.

Es ist stockdunkel in den Ausstellungsräumen des Frankfurter Dialogmuseums. Aber die Geräusche klingen plötzlich doppelt so laut: Vogelgezwitscher, Wasserplätschern, Froschgequake. Die Gruppe geht über weichen Waldboden zu einer wackeligen Hängebrücke. "Aua, das war mein Ellbogen", stöhnt eine männliche Stimme. Aber ohne Tuchfühlung geht in diesem Museum nichts. Eine kleine Kinderhand greift nach unbekannten Erwachsenen. "O Gott, o Gott", entfährt es einer Frau auf der schwankenden Brücke.

Die Besucher klettern über einen schmalen Steg in ein Ausflugschiff. Doch ohne die Hilfe von Markus Hanitz käme kaum jemand ins Boot. Die jungen Leute schalten um: Statt die Kulisse des Mains zu bewundern, lassen sie sich den Fahrtwind um die Nase wehen. Gischt spritzt über die Reling. Einer kann sogar hören, dass das Schiff nun unter dem Eisernen Steg hindurchfährt. Wie es den Mitarbeitern des Museums gelungen ist, eine so lebensnahe Szenerie zu zaubern, bleibt ihr Geheimnis. Für die Besucher eröffnet sich eine neue Welt.

Mit Perspektivenwechsel kennt sich Markus Hanitz aus. Bis vor acht Jahren hat der Guide gut gesehen. Er arbeitete als Florist in Bielefeld, sein Traumberuf, als ein Raubüberfall sein Leben gründlich veränderte. Er war nur etwas früher als gewöhnlich in den Tresorraum gegangen, um die Geldbomben seiner Firma abzuliefern, als dunkle Schatten neben ihm auftauchten. Bevor er reagieren konnte, sprühten ihm Räuber eine Art Pfefferspray in die Augen. Seine Netzhaut verklebte und löste sich innerhalb weniger Wochen ab. Markus Hanitz erblindete. Die Räuber wurden nie gefasst.

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Erblindete, weil er Opfer eines Raubüberfalls wurde: Markus Hanitz, hier mit Blindenhund Billy. ©Wegst (2)

Markus Hanitz lacht ein leises Lachen. Das Drama um den Verlust seines Augenlichts scheint lange vorbei zu sein. Ein Jahr kämpfte er, um sich im Alltag wieder zurecht zu finden. Seine Liebe zerbrach. Nach einer Umschulung zog er in ein Dorf im Rhein-Main-Gebiet und startete zunächst als Praktikant im Frankfurter Dialogmuseum: "Ich finde es spannend, Sehenden zu erklären, wie es ist, nichts zu sehen", sagt der 35-Jährige. Seit 2006 ist er einer der zwölf fest angestellten Guides. Zudem bedient er als Kellner im Dunkelrestaurant. Fünfmal am Tag führt er durch den "Dialog im Dunkeln": "Wenn sich die Leute darauf einlassen, macht es wahnsinnig Spaß", sagt er.

In der stockdunklen Ausstellung findet er sich besser zurecht als draußen. Er läuft sogar rückwärts vor den Besuchern her, damit diese ihm besser folgen können.

Der "Stadtbummel" im nächsten Raum ist eine echte Herausforderung: Mühselig tastet die Gruppe an Hauswänden, Regenrinnen und hessischen Holztüren entlang. "Können Sie erraten, was da neben ihnen hängt?", fragt Hanitz. "Keine Ahnung", sagt die Studentin, die über einen glatten Kasten mit einer Klappe in Beinhöhe streicht. Es ist ein Fahrkartenautomat, absolut unbedienbar für Blinde.

Markus Hanitz erzählt aus seinem Alltag: Erst vor wenigen Tagen ist ein Autofahrer über seinen weißen Stock gefahren. Er hatte den Blinden offenbar völlig übersehen, der gerade in eine Straßenbahn einsteigen wollte. Gehalten hat der Autofahrer nicht. "Die wahren Blinden sind die Sehenden", sagt Hanitz trocken.

Zum Abschluss geht es in die Dunkelbar. Verblüffend schnell gibt der Barkeeper das passende Wechselgeld heraus. Beim Plaudern in der dunklen Kneipe ist es leicht, Markus Hanitz nach dem Leben ohne Augenlicht zu fragen. Mit seinem "Arbeitsunfall", wie er ihn nennt, hadert er nicht mehr: "Ich kann heute genauer hören, riechen und fühlen. Wenn ein Sinn wegfällt, schärfen sich die anderen Sinne", sagt er.

"Zu sehen" ist er erstmals beim Verlassen der Ausstellung: Ein sehr schmaler Mann mit einer schwarzen Mütze auf dem Kopf. Wenn er das Museum verlässt, hilft ihm Blindenhund Billy, im Stadtverkehr klar zu kommen. Museumsleiterin Klara Kletzka: "Die Leute kommen mit Mitleid rein und gehen mit Respekt raus."

Dialogmuseum

Das Frankfurter Dialogmuseum wurde 2005 am Ostbahnhof gegründet. Es geht auf eine Idee von Dr. Andreas Heinecke zurück, der schon vor 20 Jahren eine Ausstellung in völliger Dunkelheit konzipierte. Ziel ist es, für die Belange blinder Menschen zu sensibilisieren und Barrieren abzubauen. Zudem ist das Museum ein Integrationsbetrieb. Zwei Drittel der Mitarbeiter sind schwer behindert.

Kernstück ist die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" - sechs Räume, in denen vernachlässigte Sinne geschärft werden müssen. Zudem gibt es ein Dunkel-Restaurant, in dem Vier-Gänge-Menues serviert werden, sowie das "Casino for Communication", in dem Teams spielerisch kommunikative Fähigkeiten verbessern können. Jedes Jahr kommen 80 000 Besucher - zur Hälfte Schüler, die in kleinen Gruppen durch die Ausstellung geführt werden.

www.dialogmuseum.de

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