Ärzte Zeitung online, 16.02.2010

Sammlung Prinzhorn: Opfer-Zeichnungen aus NS-Psychiatrie

HEIDELBERG (dpa). Die Zeichnungen sehen aus wie von geübter Kinderhand mit Bleistift aufs Papier gebracht. Erst beim genaueren Blick fallen die Details auf - und sie entfalten eine eindringliche und erschütternde Wirkung.

Hier ein wehrloses Opfer, dort ein Hakenkreuz oder abgetrennte Hoden auf einem Teller. Dieser ungewöhnliche Kunstfund aus der Zeit des Nationalsozialismus wird bald im Museum der Heidelberger "Sammlung Prinzhorn" ausgestellt. Erstmals wird damit eine Serie von Zeichnungen eines von den Nazis zwangssterilisierten und 1940 ermordeten Psychiatrie-Insassen präsentiert.

Der Künstler Wilhelm Werner beweist sich auf den 30 Blättern als malender Zeitzeuge und gibt Einblicke in sein Martyrium in der "Heilanstalt Werneck" nahe Schweinfurt. "Vor zwei Jahren wurden mir die Zeichnungen von einem Ehepaar gezeigt", sagt der Leiter des Museums, Thomas Röske. "Sie waren mit Bleistift auf den Rückseiten eines Auftragsbuches ausgeführt und in schlechtem Zustand." Erst Ende 2008 habe er den besonderen historischen und künstlerischen Wert der Blätter erkannt und sie für die Sammlung erworben.

Da der Künstler den Buchdeckel und seine erste Zeichnung mit seinem Namen versehen hatte, konnte ein Teil seines Leidensweges anhand des Aufnahmebuches von Werneck rekonstruiert werden. Demnach wurde der 1898 geborene Wilhelm Werner 1919 mit der Diagnose "Idiotie" in die Psychiatrie eingeliefert. Er war ledig, katholisch, berufslos. Zwar gibt es von Werner keine Krankenakte mehr, doch steht fest, dass er am 6. Oktober 1940 mit anderen Patienten aus Werneck nach Pirna-Sonnenstein transportiert wurde. In einer Krankenanstalt in der dortigen ehemaligen Festung wurden in den Jahren 1940 und 1941 etwa 15 000 Menschen umgebracht - auch Werner wurde Opfer der "Euthanasie".

Doch seine Zeichnungen überdauerten Zeit und Leiden, weil sie ein Verwaltungsangestellter der Anstalt an sich nahm und später an seine Tochter weitergab. "Fasziniert hat er die Bilder immer wieder im privaten Kreis gezeigt, deshalb sehen sie so mitgenommen aus", erklärt Röske. An der Diagnose "Idiotie", dem schwersten Grad der damals gebräuchlichen Diagnose "Schwachsinn", darf gezweifelt werden. Jedoch kann auch Röske aus der Sicht von heute über die "richtige" Diagnose nur spekulieren: Möglicherweise war Werner gehörlos oder "autistisch".

Thema der Zeichnungen Werners ist seine eigene Sterilisation, die er als "STERELATION" bezeichnet. Sich selbst malt er meist als spaßige, aber passive Clownspuppe, die an Geräte angeschlossen ist und der von feisten Ordensschwestern mit Hakenkreuzbinden und von einem Arzt an den Geschlechtsteilen manipuliert wird. Die Darstellungen erinnern in ihrer Vereinfachung zwar an Illustrationen aus einem Kinderbuch. Sie entwickeln aber komplexe Symbole für das Leiden, wobei Werner mehrfach auf traditionelle Bildformen für das Martyrium Christi und einzelner Heiliger anzuspielen scheint.

Er nimmt sein späteres Schicksal zeichnerisch vorweg. Auf einem Blatt zeigt er Patienten mit Zipfelmützen fröhlich in einem Bus mit Hakenkreuzfahne und dem Banner "STERELATION" sitzen. Auf dem Dach des Busses, der an die damals üblichen Propagandawagen erinnert, sitzt eine Krankenschwester - und präsentiert zwei Hoden auf einem Teller.

Bilder oder Zeichnungen von Opfern der NS-Zwangssterilisation, in denen diese das angetane Unrecht künstlerisch thematisieren, sind bisher nicht bekanntgeworden. Für die Heidelberger Psychiaterin Maike Rotzoll sind die Blätter "außerordentliche und einzigartige Opfer-Dokumente". Zwar gebe es auch Briefe von Opfern der damaligen Zwangssterilisation oder einzelne Gedichte. "Aber Zeichnungen sind bislang nicht bekanntgeworden", sagt Rotzoll, die sich seit Jahren mit Krankengeschichten aus der NS-Zeit befasst. Derzeit erforscht die 45-jährige Historikerin 3000 Akten von Psychiatrieopfern der NS-Euthanasieaktion "T4", bei der etwa 70 000 Menschen zwischen 1940 und 1941 systematisch vergast wurden.

Die Zeichnungen sind vom 18. März bis 6. Juni in einem Kabinett der "Sammlung Prinzhorn" zu sehen. Das Museum des Uni-Klinikums Heidelberg ist dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet, mittwochs bis 20.00 Uhr.

http://prinzhorn.uni-hd.de/

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