Ärzte Zeitung, 30.04.2010

Schwitzen ohne Männer - und ohne Kopftuch

Sport treiben, ohne die Blicke der Männer: Ein Fitness-Studio für muslimische Frauen hat in Köln geöffnet. Hier trainieren viele Frauen, die sich sonst selten bewegen.

Von Anne-Christin Gröger

KÖLN. Im Kölner Fitness-Studio "Hayat" steht Gülten auf dem Cross-Trainer und schwitzt. Sie ist regelmäßig hier, die Bewegung macht ihr Spaß. Gülten fühlt sich wohl nach dem Sport. Außerdem will sie abnehmen. Deswegen kommt sie mindestens einmal die Woche in das Studio im Stadtteil Bickendorf. Die 35-Jährige mit türkischen Wurzeln genießt es, dass hier keine Männer Gewichte stemmen oder auf den Laufbändern schwitzen. "Ich mag mich nicht zur Schau stellen, und hier starrt mich niemand an", sagt sie. "Ich kann einfach für mich Sport treiben." Denn das "Hayat" (türkisch für "Leben") ist ein Fitness-Studio für muslimische Frauen. Männern dürfen die Sport-Räume nicht betreten.

Schwitzen ohne Männer - und ohne Kopftuch

"Sport ist in unserer Kultur nicht so verankert", sagt Emine Aydemir, die Besitzerin des "Hayat". Wenn sie Sport treibt, trägt sie kein Kopftuch. © acg (2)

Am Eingang ist eine Klingel angebracht, auf der "Männer" steht. Eine Tür aus Milchglas verdeckt den Blick ins Studio und auf die Geräte. Männliche Besucher, etwa Lieferanten oder der Postbote, müssen läuten, wenn sie etwas zu erledigen haben. Dann kommt die Studio-Besitzerin Emine Aydemir hinaus und nimmt ihnen die Waren ab.

Die Kopftuch-Trägerin Emine Aydemir hat das Studio vor drei Jahren gegründet. Der Einfall kam ihr, weil sie nach zwei Schwangerschaften starkes Übergewicht hatte und etwas für ihre Figur tun wollte. Zuerst ging sie in ein normales Fitness-Studio für Frauen. "Doch da waren Männer trotzdem überall - sie warteten am Eingang auf ihre Frauen, Handwerker erledigten Reparaturen, so dass ich ständig mit Kopftuch trainieren musste", sagt sie. "Das war natürlich unangenehm." Sie hatte die Idee, ein Fitness-Studio zu gründen, in dem muslimische Frauen ohne Kopftuch Sport machen können, ohne sich ständig Sorgen machen zu müssen, dass ein fremder Mann sie sehen könnte.

Ihre Familie stand ihrem Plan am Anfang skeptisch gegenüber. Sie kannte sich nicht aus in dem Geschäft. Eine Neugründung bedeutete eine starke finanzielle Belastung und Aydemir wusste nicht, ob die Musliminnen das Angebot annehmen würden. "Sport ist in unserer Kultur nicht so verankert", sagt sie. Doch es hat geklappt. Heute trainieren etwa 400 Frauen in dem Studio, etwa 70 Prozent sind Muslima. Die meisten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, viele haben Kinder und sind den ganzen Tag mit Haushalt, Mann und dem Nachwuchs beschäftigt. Das bedeutet Stress. "Hier sollen die Frauen lernen, etwas für sich selbst, für ihren Körper und ihre Seele zu tun und nicht nur für die Familie da zu sein", sagt Aydemir. Bewegung bedeutet Lebensqualität. "Ich möchten den Frauen zeigen, dass nicht nur Übergewichtige Sport treiben sollten, sondern dass Bewegung auch gegen Krankheiten wie Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte und Diabetes vorbeugt."

Die Frauen, die nach Bickendorf kommen, schätzen es, dass sie unter sich sind. "Nicht alle haben eine perfekte Figur, und es gefällt ihnen, dass sie einfach im Schlabberlook zum Sport kommen können", sagt Aydemir. "Schaulaufen um den schönsten Körper wie in anderen Fitness-Studios gibt es bei uns nicht."

Die meisten Frauen, die ins "Hayat" kommen, haben nie zuvor Sport getrieben. Aydemir muss den Türkinnen vieles erklären, was ihren deutschen Mitgliedern selbstverständlich erscheint, etwa wie es geht, Fahrrad zu fahren oder sich auf einem Laufband zu bewegen. Neben den Trainingsgeräten finden regelmäßige Sport-Kurse statt - Pilates, Step-Aerobic oder Wirbelsäulen-Gymnastik. Seit kurzem bietet das Studio auch Rückenkurse an, deren Kosten die Krankenkasse bei regelmäßiger Teilnahme bis zu 80 Prozent erstattet.

Eine Besonderheit des Fitness-Studios ist ein kleiner Raum, in dem die Musliminnen beten können. Dort ist ein Teppich gen Osten ausgerichtet, so müssen religiöse Frauen nicht extra zum Gebet nach Hause fahren. Nach dem Sport können sie die Sauna nutzen, zum Duschen sind Einzelkabinen eingebaut, denn viele Frauen schämen sich, sich in einer Sammeldusche zu waschen. Eine Erzieherin betreut im Nebenraum die kleinen Kinder.

"Selbstverständlich können auch Frauen, die einer anderen Religion angehören, bei uns trainieren", sagt die zierliche Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Es kommen Deutsche, Russinnen und Italienerinnen, Frauen aus Marokko und Tunesien und viele Türkinnen. Da entstehen Freundschaften, die Frauen lernen sich besser kennen und merken, dass die Unterschiede zwischen ihnen eigentlich gar nicht so groß sind. "Alle Frauen auf der Welt haben mit ihrer Figur ähnliche Sorgen und Probleme", sagt Aydemir und lacht. "Mit dem Bauch, den Beinen und dem Po."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »