Ärzte Zeitung online, 26.02.2010

Warum man sich an Unerwartetes besser erinnert als an Alltägliches

BONN (eb). Unerwartete Ereignisse aktivieren das Belohnungszentrum im Gehirn - daher speichert es solche Eindrücke besser ab. Diese Hypothese konnten Wissenschaftler der Uni Bonn jetzt in einer Patientenstudie bekräftigen.

Warum man sich an Unerwartetes besser erinnert als an Alltägliches

Belohnungs- und Gedächtniszentrum sorgen im Zusammenspiel für Erinnerungen. © Orlando Florin Rosu / fotolia.com

Ereignisse werden dann besonders gut abgespeichert, wenn das Gedächtniszentrum starke Signale aus dem Belohnungszentrum erhält -und das ist nicht nur bei tatsächlich belohnungsrelevanten, sondern auch bei unerwarteten Ereignissen offensichtlich der Fall. Das Forscherteam um Dr. Nikolai Axmacher von der Klinik für Epileptologie untersuchte bei depressiven Patienten und bei Patienten mit Epilepsie die Aktivität von zwei Gehirnregionen. Das war zum einen die des Nucleus accumbens, einem Teil des Belohnungszentrums, zum anderen die Aktivität des Hippocampus, dem Gedächtniszentrum. "Die Ergebnisse bestätigen, dass die beiden Gehirnregionen miteinander wechselwirken", erklärt Axmacher, "und zwar bei unerwarteten Ereignissen besonders stark." Daher könne man sich an Unvorhergesehenes hinterher besser erinnern (Neuron 65, 2010, 541).

Dieser Effekt ist schon länger bekannt. Bisher war aber unklar, wie das Gehirn das bewerkstelligt. Die Hypothese: Zunächst überprüft der Hippocampus, ob das eingetroffene Ereignis mit der Erwartungshaltung übereinstimmt, und gibt diese Information an den Nucleus accumbens weiter. Dort wird daraufhin der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, und zwar umso mehr, je stärker das Ereignis von der Erwartungshaltung abweicht. Je mehr Dopamin ausgeschüttet wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Hippocampus das Ereignis ins Langzeitgedächtnis überschreibt.

"Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese perfekt", so Axmacher in einer Pressemitteilung der Uni Bonn. "Das Gedächtniszentrum vergleicht die tatsächliche Situation mit der erwarteten - das ist das frühe Signal im Hippocampus." Das Gedächtniszentrum aktiviert den Nucleus accumbens, Teil des Belohnungszentrums. Vermutlich schüttet dieses daraufhin Dopamin aus, und dieser Botenstoff aktiviert dann wieder das Gedächtniszentrum. Das späte Signal im Hippocampus ist die Reaktion auf die Antwort aus dem Nucleus accumbens.

Zum Abstract der Originalstudie: "Intracranial EEG correlates of expectancy and memory formation in the human hippocampus and nucleus accumbens"

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