Ärzte Zeitung online, 17.03.2010

Alice Schwarzer: "Die Pille ist ein Meilenstein"

HAMBURG (dpa). Als die Pille vor 50 Jahren auf den Markt kam, konnten die Frauen plötzlich selbst entscheiden, wann sie Kinder haben wollen. Die Frauenbewegung feierte die Erfindung von Carl Djerassi als Befreiungsschlag. Die Feministin und Gründerin der Zeitschrift "Emma", Alice Schwarzer, feierte damals mit.

Im Interview mit dpa sprach Schwarzer über das beliebteste Verhütungsmittel Europas, die Haltung der katholischen Kirche und die Angst der Männer um die Potenz.

Frau Schwarzer verdient Carl Djerassi ein Denkmal?

Alice Schwarzer: "Ja, Djerassi verdient ein Denkmal! Die Pille ist ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation der Frauen."

Was bedeutet die Pille für die Emanzipation? Wäre unsere Welt ohne Pille eine andere?

Schwarzer: "Ich gehöre zu der Frauengeneration, die die ersten Jahre noch ohne Pille erlebt hat: voller Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Und auch ich habe die Pille als eine ungeheure Befreiung empfunden: Endlich konnten Frauen sich selbst vor ungewollten Schwangerschaften schützen. Allerdings ist sie gleichzeitig ein großer Eingriff in den weiblichen Körper. Die Pille täuscht ja eine permanente Schwangerschaft vor. Die feministische Kritik an den Nebenwirkungen war darum nötig und hat zur Verbesserung der Pille beigetragen. Es steht heute jeder Frau frei, die Pille zu nehmen oder nicht."

Millionen Frauen und vor allem junge Mädchen greifen heute selbstverständlich zur Pille, ohne groß darüber nachzudenken. Wünschen Sie sich ein größeres Bewusstsein um die Bedeutung dieser Errungenschaft?

Schwarzer: "Nein, es ist doch selbstverständlich, dass die Pille 50 Jahre nach ihrer Erfindung eine Selbstverständlichkeit für junge Frauen ist. Allerdings würde ich mir wieder mehr Bewusstsein für andere Sexualpraktiken bei der jungen Generation wünschen: Die Penetration ist Voraussetzung für das Zeugen eines Kindes, aber nicht für das Erzeugen von Lust."

Die katholische Kirche hat ihre Einstellung zur Pille nicht geändert. 2008 betonte Papst Benedikt XVI., die 1968 verkündete Enzyklika "Humanae Vitae" habe weiter Gültigkeit, Verhütungsmittel bleiben verboten. Enttäuscht Sie das? Glauben Sie, da wird sich in absehbarer Zeit etwas ändern?

Schwarzer: "Wir müssen uns mit dieser lebensfernen Haltung zur Sexualität bei den alten Männern, die die katholische Kirche regieren, wohl abfinden. Am ärgsten allerdings trifft es die Gläubigen selber und die Frauen in den katholischen Ländern: Sie sind dank Verbot von Verhütung und Ignoranz sexueller Gewalt ungewollten Schwangerschaften weiterhin wehrlos ausgeliefert - nicht zuletzt auf Kosten ungewollter Kinder. Es wären darum vor allem die Katholikinnen selber, die gegen dieses Papst-Dogma protestieren müssen."

Die Pille für den Mann ist weit entwickelt, kommt aber absehbar nicht auf den Markt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Schwarzer: "Rein medizinisch gesehen wäre die Anti-Baby-Pille oder Spritze ja schon lange kein Problem mehr. Das Problem scheint zu sein, dass die Herren der Schöpfung an ihrer Potenz zweifeln, wenn sie nicht allzeit zeugungsfähig sind. Fragt sich, wie lange ihre Frauen und Freundinnen sich das noch gefallen lassen."

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