Ärzte Zeitung online, 26.03.2010

Zwischen Glamour und Wahn - Schau zur Schönheit in Dresden

DRESDEN (dpa). Vor der "Maske der Schönheit" schlägt die Stunde der Wahrheit: In der neuen Sonderausstellung "Was ist schön?" (27. März bis 2. Januar 2011) im Deutschen Hygiene-Museum Dresden können sich auch die Besucher der Computer-Grafik vom Idealmaß stellen - mittels Webcam.

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Was ist schön? Mit Sicherheit die Büsten der Schauspielerinnen Catherine Deneuve, Laetitia Casta und Brigitte Bardot. © dpa - Bildfunk

"Die Formel wurde von dem US-amerikanischen Schönheitschirurgen Stephen Marquardt aus dem Verhältnis von Nasen- zu Mundbreite errechnet", erklärte Kuratorin Doris Müller-Toovey am Freitag in Dresden. Dieser habe 20 Jahre lang Schönheitsanalysen und -vermessungen ausgewertet. Sollte das eigene Gesicht nicht so ganz passen, verweisen weitere Exponate auf die Möglichkeiten der Plastischen Chirurgie.

"Schönheit ist zum allgegenwärtigen Thema unserer Lebensführung geworden - als verführerisches Versprechen oder unerreichbarer Wunschtraum", sagt Müller-Toovey, deren Agentur für die Filmbranche arbeitet. Die inszenierte Schau setze sich kritisch mit dem Streben nach Schönheit auseinander, sagte Museumsdirektor Klaus Vogel. Bis zum 2. Januar 2011 zeugen knapp 280 Exponate, darunter Leihgaben aus aller Welt, vom Drang der Menschheit nach Schönheit und Versuchen, ein Ideal festzuschreiben und zu erreichen. Die Ausstellung gebe zwar keine Antworten, aber "einige spannende und überraschende Hinweise", betonte Vogel.

So zeigen Porträts von Hollywoodstars eine individuelle Schönheit, die nicht dem medial vermittelten Bild entspricht. Fotograf Martin Schoeller hat für seine Serie "Close up" Prominente wie Angelina Jolie oder Brad Pitt in extremer Nahsicht und Ausleuchtung fotografiert. Herlinde Koelbls Haut-Aufnahmen werfen die Frage auf, ob Nina wegen ihrer Falten hässlich ist oder die 80-Jährige deshalb eine weniger äußerliche Schönheit ausstrahlt. "Bis ins 20. Jahrhundert war Schönheit ein Thema der Philosophie, der bildenden Künste und der Geisteswissenschaften, inzwischen ist die gesamte Lebenswelt einer Ästhetisierung unterworfen", erklärt die Kuratorin.

Suchten auch Dürer oder Le Corbusier mit Körperzeichnungen mit einem System aus Symmetrie und Proportion nach den idealen Maßen, werden diese inzwischen von Werbeindustrie und Medien vorgegeben. Davon zeugen Titelbilder von Karrieremagazinen, Ausschnitte aus der Pro7-Show "Germany's Next Top-Model", Fotos und Trophäen zum Teil fragwürdiger Miss- und Misterwahlen sowie Statistiken über Schönheitsoperationen und Interviews mit Plastischen Chirurgen. "Welche Blüten das Prinzip "Schönheit ist machbar" treibt, zeigen Schönheitswettbewerbe für Operierte etwa in China." Ein Filmbeitrag zur London Fashion Week 2008 schockt mit der Schattenseite des Schönheitsstrebens im Modelbusiness: der Magersucht.

Eine Tabelle dokumentiert die Auswirkungen der gesellschaftlichen Erwartungen an das perfekte Aussehen: "Es ist bedenklich, dass der Trend zur Korrektur am eigenen Körper bei sehr jungen Menschen stark zunimmt", sagte Müller-Toovey mit Verweis auf die Studie zum Verhältnis Jugendlicher zu ihrem Körper. Demnach würden 40 Prozent der deutschen Mädchen unter 18 etwas an ihrer Figur ändern lassen, wenn sie eine Schönheitsoperation geschenkt bekämen. "Bundesweit unterziehen sich jährlich bis zu 800 000 Frauen und zunehmend auch Männer solchen Ops." Gutes und gerade auch schönes Aussehen werde in der Regel auch mit positiven Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden, die positive Auswirkungen auf Beruf und Karriere haben. "Schon in den Märchen steht schön für gut und hässlich für böse."

Das Muster funktionierte aber schon früher - wie eine Galerie von Persönlichkeiten von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert zeigt: beginnend bei Nofretete über Mätressen und Geliebte wie Lady Emma Hamilton oder Lola Montez bis zu dem Diplomaten George Villiers oder Schauspielerin Ellen Terry. "Aus schriftlichen Aufzeichnungen über diese Menschen ist zu ersehen, dass ihr Aussehen ursächlich für ihren Erfolg war." Im 21. Jahrhundert indes reichen Lippenstift und Pariser Mode nicht mehr aus, da braucht es Stylisten und Fotoshop. Damit kann sogar aus einem unscheinbaren Mädchen ein Cover-Girl werden, wie ein Video zeigt.

An einem Gehirn-Modell können die Besucher sehen, welche Areale aktiv sind, wenn Gesichter, grafische Muster und Musik hinsichtlich ihrer Attraktivität bewertet werden. Dass Schönheit nicht immer nur mit Aussehen einhergeht, zeigen zehn Videos der Berliner Künstlerin Gabriele Nagel: Da spricht ein Friedhofsleiter über Schönheit nach dem Tod und eine Nudelköchin philosophiert über "göttliche Pasta". Schönheit verkörpere eben nichts Absolutes und Ewiges, "sondern ist immer zeitlich an die Wahrnehmung von Menschen gebunden", sagte Müller-Toovey.

www.dhmd.de

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