Ärzte Zeitung online, 31.03.2010

Wuppertaler Watte - Vor 60 Jahren kam der Tampon nach Deutschland

DÜSSELDORF/WUPPERTAL (dpa). Schafswolle, Blätter, Gräser oder Stoffreste: Mit vielem haben Frauen im gebärfähigen Alter experimentiert, bevor der amerikanische Arzt Earle Cleveland Haas 1931 das Patent für den Tampon beantragte. Der längliche Pfropf aus gepresster Watte war die lange ersehnte Lösung. Im März 1950 - vor 60 Jahren - wurden auch in Deutschland die ersten Tampons verkauft: eine Zehner-Packung für 95 Pfennige.

"An zwei bis drei Tagen im Monat traute man sich ja gar nicht, den Tag normal zu verbringen, bevor es den Tampon gab", erinnert sich die Frauenärztin Judith Esser Mittag. Die heute 88-jährige Düsseldorferin hat den Tampon für den deutschen Markt mitentwickelt. Damals arbeitete sie als Gynäkologin in einer Wuppertaler Klinik. "Mein Chef kam auf mich zu und sagte, da sind zwei Herren, die wollen den Tampon auf den deutschen Markt bringen. Aber sie haben noch viele Fragen: Wie groß? Wie dick? Wie lang? Wieviel muss er saugen können?"

Die "zwei Herren" waren der Ingenieur Carl Hahn und der Jurist Heinz Mittag. Bei einem Spaziergang an der Düsseldorfer Rheinpromenade hatten sie eine amerikanische Illustrierte gefunden - und darin eine Werbeanzeige für Tampons. Spontan beschlossen sie, den Tampon nach Deutschland zu bringen. "Aber die beiden hatten natürlich erstmal wenig Ahnung", erzählt Esser Mittag. "Das war für die ein Blindflug."

Die damals 28-Jährige hingegen war nicht nur Frauenärztin, sondern auch Leistungsschwimmerin. Sie hatte genaue Vorstellungen davon, wie der Tampon aussehen sollte. "Mein Trainer hatte überhaupt kein Verständnis dafür, wenn ich während meiner Menstruation ausgesetzt habe. Also hat mir eine Kollegin gezeigt, wie man Watte rollt."

Ein Wuppertaler Ingenieur mit Erfahrung in der Zigarettenproduktion half dann bei der Entwicklung mit. "Denn da wird auch gewickelt, es gibt also gewisse Parallelen, auch wenn die Watte widerspenstiger ist", erklärt Esser Mittag. Der deutsche Tampon ist schließlich eine verbesserte Version des US-Patents. Wenig später entsteht in Wuppertal die erste deutsche Tampon-Fabrik. Die Marke heißt "o.b." - Abkürzung für "ohne Binde".

Heute ist die Tampon-Fabrik in Wuppertal die größte der Welt: Mehr als zwei Milliarden Tampons pro Jahr werden, nach Angaben des deutschen Marktführers Johnson&Johnson, zu dem die Marke o.b. seit 1974 gehört, in Wuppertal hergestellt und in rund 30 Länder exportiert. Am Anfang aber sei der Verkauf "ausgesprochen zäh" gewesen, erinnert sich die Frauenärztin Esser Mittag.

"Das war ein dermaßen verschwiegenes Thema damals. Die Leute fanden einfach nicht die Worte." Das habe in manchen Fällen dazu geführt, dass Frauen vor den Drogerie-Märkten warteten, bis keine anderen Menschen mehr darin waren, bevor sie hineingingen und nach Tampons fragten. "Ein erniedrigender Zustand."

Esser Mittag ist froh, dass die Zeiten sich geändert haben. "Der Tampon hat die Frauen unabhängiger gemacht und sie in die Lage versetzt, jederzeit an die Öffentlichkeit zu treten. Dieses perfekte kleine Ding, das immer genau das tut, was es soll, war eine wichtige Voraussetzung dafür, das Frauen sich emanzipieren konnten." Und auch für Männer kann das "kleine Ding" nützlich sein: Pfadfinder und Soldaten benutzen den Tampon zum Feuermachen.

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