Ärzte Zeitung, 28.04.2010

Warum nur, warum? Von der Lust auf den Seitensprung

Lohnt sich Treue? Warum macht der Seitensprung vielen Menschen Spaß? Das sind Fragen, die in einem neuen Buch beantwortet werden.

Von Brigitte Düring

FREIBURG. "Alle grundlegenden Konflikte, die wir in einer Liebesbeziehung haben können, münden in das Thema Treue ein", stellt der Berliner Paartherapeut Dr. Wolfgang Krüger in seinem neuen Buch "Das Geheimnis der Treue - Paare zwischen Versuchung und Vertrauen" fest. Verrückt scheint: 90 Prozent der Deutschen glauben an "die große Liebe", wünschen sich Treue in ihrer Partnerschaft, doch jeder zweite - glaubt man Statistiken - geht fremd.

Warum nur, warum? Von der Lust auf den Seitensprung

Wolfgang Krüger, Das Geheimnis der Treue, Paare zwischen Versuchung und Vertrauen, Kart., 180 Seiten, Kreuz-Verlag, Freiburg 14,95 Euro.
ISBN 978-3-7831-3413-1
www.kreuz-verlag.de

Akademiker aus Berufen wie Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter und Psychologen zählen zu jener Berufsgruppe, die am häufigsten einen Seitensprung begeht, berichtet der Autor. Sie verfügten über die erforderliche Gesprächsfähigkeit, genügend Geld und Zeit, unterlägen weniger sozialer Kontrolle als andere Berufsgruppen, weshalb ihre Möglichkeiten zur Untreue größer sind und diese Gelegenheiten nicht selten genutzt werden.

Auch wenn er selbst eher dafür plädiert, dass sich Treue lohnt und glücklich machen kann, verurteilt der Psychotherapeut die Untreue nicht, sondern bemüht sich um eine Analyse der Gründe für den Seitensprung. Verhängnisvolle Vereinfachungen, etwa biologische Erklärungsmodelle oder die Einschätzung, alle Männer seien triebgesteuert, lässt Krüger nicht gelten.

Sexualität sei für die meisten Menschen ein Beziehungsgeschehen, erläutert er. Lust auf ein sexuelles Abenteuer steht als Motiv für Untreue nicht an erster Stelle, das Hauptmotiv resultiert aus dem Desinteresse des Partners.

Ausführlich beschäftigt sich Krüger mit grundlegenden Untreue-Mustern: Der Er-oberung, damit das Selbstwertgefühl stabil bleibt; der Angst vor Nähe und dem Ausbruch aus der unglücklichen Ehe. Er beschreibt das Drama, in das betrogene Partner nach Aufdeckung eines Seitensprungs stürzen ebenso, wie auch das "Leid der Geliebten", die oft vergeblich darauf hofft, den Liebhaber dann irgendwann für sich zu gewinnen.

Und er geht auch auf die Probleme der Menschen ein, die ein Doppelleben aufbauen, beschreibt die Gefühle der Eifersucht, berichtet über die Situation von Partnern, die eine "offene Ehe" führen oder vereinbaren und damit auch nicht glücklich werden.

Je nach dem, wie der Leser zur Treue oder Untreue steht, wird ihn das Kapitel "Wie plant man einen Seitensprung?", interessieren, worin sich auch Tipps zu "SeitensprungAgenturen" finden. Was tun, wenn der Seitensprung passiert ist oder auffliegt? Beichten oder nicht? Verzeihen, oder sich trennen? Auch hier hat der Autor keine "goldenen Regeln" parat. Das Buch endet mit einem längeren Kapitel über die Fähigkeit zur Treue, - auch der Treue zu sich selbst - dem Glück, das Treue vermitteln kann, und der Frage, wie die Liebe lebendig bleibt.

Einen der üblichen Ratgeber stellt das Buch nicht dar. Wer die perfekte Handlungsanleitung sucht, wie er sich vor Untreue schützen kann, oder im Kapitel "Wie plant man einen Seitensprung?" Rat sucht, wie er/sie gleichzeitig Konflikten ausweichen kann, wird keine befriedigenden Antworten finden. Betrogene finden keine vernichtenden Urteile über untreue Partner.

Leser, die Treue belächeln, für antiquiert halten, werden auch an die Risiken und Belastungen der Untreue erinnert und womöglich nachdenklich werden.

Krüger geht es darum, die komplizierten "inneren Prozesse von Menschen zu verdeutlichen, die treu oder untreu sind". "Und es geht mir immer um das Lebensglück des Einzelnen", betont er. Dabei stützt er sich neben Erfahrungen aus seiner Praxis und der Paartherapie auf viele Interviews zum Thema, auf viele Beispiele aus der Literatur und nicht zuletzt auf Studien.

Auf jeden Fall animiert das Buch dazu, einen kritischen Blick auf die eigene Beziehung zu werfen, neu in sie zu investieren oder sich auch aus Verletzungen oder einer unglücklichen Partnerschaft heraus zu arbeiten.

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