Ärzte Zeitung, 05.05.2010

Das persönliche Budget bedeutet Freiheit für Behinderte

Am Protesttag behinderter Menschen machen diese auf ihr Schicksal aufmerksam.

Von Martin Wortmann

KASSEL. Auch heute, am Protesttag behinderter Menschen, muss Karsten Eckhardt arbeiten. Der 41-jährige Rollstuhlfahrer ist Verwaltungsangestellter im Kasseler Versorgungsamt. Gekämpft hat er schon 2006. Damals erstritt er sich, was es bisher kaum gab: Ein persönliches Budget.

Schon als Kind stellten Ärzte bei Eckhardt eine fortschreitende Muskelerkrankung fest, eine genauere Diagnose bekam er nie. Mit 14 saß er bereits im Rollstuhl, inzwischen ist er rund um die Uhr auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Wenn Eckhardt erzählt, dann macht er in kurzen Abständen eine Pause. Leicht zischend pumpt das Gerät dann direkt über einen Luftröhrenschnitt Luft in seine Lunge. "Das ist halt so", sagt er.

Das persönliche Budget bedeutet Freiheit für Behinderte

Karsten Eckhardt hat schon früh für sein persönliches Budget und die Freiheit gekämpft. © LWV Hessen

Anderes hat sich zum besseren gewendet. Sozialamt, Integrationsamt, Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung - überall Anträge, Formulare, Unsicherheit und Nerverei. Wer zur Betreuung kam, bestimmten die Behörden, den Zeitpunkt zum Aufstehen der Pflegedienst.

Das war früher. Jetzt bekommt Eckhardt Monat für Monat einen guten Batzen Geld vom Hessischen Landeswohlfahrtsverband (LWV) in Kassel. Der Sozialhilfeträger sammelt das Geld bei den Kostenträgern ein - insgesamt sogar etwas weniger, als die Summe der Einzelleistungen betrüge. Es ist Eckhardts "persönliches Budget". Davon sorgt er für sich, bezahlt die sechs Menschen, die ihn rund um die Uhr betreuen. "Ich bin unter die Arbeitgeber gegangen", schmunzelt er. Seinen Tagesablauf kann er nun selbst gestalten. "Ein immenser Pluspunkt."

Die Möglichkeit zum individuellen Budget gibt es bereits seit 2001. Doch jahrelang dümpelte die von den Behindertenverbänden geforderte Selbstbestimmung vor sich hin. Selbst nach fünf Jahren war es noch ein Kampf. Es gab keine geregelten Abläufe, bei den einzelnen Sozialträgern fühlte sich niemand zuständig, erinnert sich Petra Friedrich, Regionalmanagerin des beim LWV angesiedelten Hessischen Integrationsamtes. Damals, 2006, hatte sie Eckhardt unterstützt, und sie begleitet ihn bis heute. "Lange Zeit war er bundesweit der einzige mit fünf Leistungsträgern", berichtet sie.

Seit Anfang 2008 gibt es einen bundesweiten Rechtsanspruch auf das persönliche Budget. Doch weil es ungewohnte Arbeit macht, ist es bei den Beratungen der Behörden meist nicht der Vorschlag der Wahl, bedauert Friedrich. Und so bezweifelt man beim Verein zur Förderung der Autonomie behinderter Menschen (fab) in Kassel, dass die für Ende 2008 genannte Zahl von bundesweit 8000 wirklich echte persönliche Budgets sind; oft werde das Geld beispielsweise an den Arbeitgeber ausgezahlt.

Doch für Eckhardt bedeutet sein Budget Freiheit. Zu einem Urlaub etwa. Mit elektrischem Rollstuhl, Beatmungsgerät und Betreuern könnte es dieses Jahr nach Barcelona gehen.

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