Apotheker plus, 25.06.2010

Es war einmal ein Apotheker…

Seine Erzählungen kennen fast alle, seinen Namen und seinen erlernten Beruf jedoch fast niemand: Der große Märchenerzähler Ludwig Bechstein war ursprünglich Apotheker.

Von Klaus Brath

Ludwig Bechsteins Werdegang und Wirkungsgeschichte mutet selbst fast märchenhaft an: Seine Kindheitsjahre erschienen ihm rückblickend "wie ein schlimmer Traum" - und dennoch wurde aus dem 1801 unehelich in Weimar geborenen Sohn einer Beamtentochter aus Altenburg und eines französischen Emigranten der mit Abstand beliebteste Märchenherausgeber des 19. Jahrhunderts. Am 14. Mai jährte sich der Todestag des großen Märchenerzählers und -sammlers zum 150. Mal.

Märchensammlung war lange Hausbuch der Nation

Ob "Der kleine Däumling", "Aschenbrödel" oder "Das Märchen vom Schlaraffenland" - von all diesen Geschichten existieren verschiedene Erzähltraditionen. Doch erst Bechsteins Märchenbuch avancierte, auch dank der wunderschönen Illustrationen von Ludwig Richter, zum Kinder- und Hausbuch der Nation. Sogar bis weit in das frühe 20. Jahrhundert hinein blieb die Bechsteinsche Märchensammlung weitaus beliebter als die der Brüder Grimm. Das Sammeln und Verfassen von Märchen machte aber nur einen recht überschaubaren Teil von Bechsteins literarischer Tätigkeit aus. Sein Oeuvre umfasst neben rund 150 Märchentexten etwa 2300 Sagen sowie jede Menge Reiseberichte, Balladen, Sonetten, Romanzen, Erzählungen und historische Romane bis hin zu Schauergeschichten und Totentänzen.

Zunächst wandelte Bechstein beruflich aber auf pharmazeutischen Pfaden, bevor er 1831 als herzoglicher Kabinettsbibliothekar und seit 1848 als Archivar im thüringischen Meiningen wirkte. "Wer oder was letztendlich den Ausschlag für die Pharmazie gab, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen", schreibt Rainer Bens in seiner Studie über "Aussteiger aus der Pharmazie". Es war jedoch wohl der Onkel und Pflegevater Johann Matthäus Bechstein, Gründer und Direktor der herzoglichen Forstakademie Dreißigacker, der zumindest die naturwissenschaftliche Affinität des jungen Ludwigs geweckt haben dürfte.

Es war einmal ein Apotheker…

In der Apotheke unter der Galerie in Arnstadt absolvierte Ludwig Bechstein seine Ausbildung.

© Sebastian Wild

Gesichert ist, dass Bechstein 1818 bis 1822 in der Kühnschen Apotheke im thüringischen Städtchen Arnstadt seine pharmazeutische Lehrzeit absolvierte und dort für weitere zwei Jahre als Gehilfe blieb. Noch heute befindet sich die traditionsreiche Apotheke, die seit Langem "Apotheke unter der Galerie" heißt, im selben Gebäude, wenn auch in anderen Räumlichkeiten, wie der jetzige Inhaber Sebastian Wild bestätigt.

Bechsteins Vorstellungen erfüllten sich nicht: Statt experimentieren zu dürfen, musste er anfangs viel fegen und schrubben und feststellen, "dass ihm vorderhand lediglich obliege, Düten, Kapseln und Signaturen zu machen." Nachdem er von Ende 1824 bis Anfang 1826 in der Meininger Hofapotheke tätig war, zog Bechstein 1826 nach Salzungen, um in der dortigen Schwan-Apotheke als Provisor zu arbeiten. Aber auch hier fand er nicht die gewünschte berufliche Erfüllung; stattdessen rückte seine Leidenschaft als Dichter, Forscher und Sammler zunehmend in den Vordergrund.

Pharmazeutische Reminiszenz in vielen literarischen Werken

Dass Bechstein sein Abschied von der Pharmazie nicht leicht fiel, veranschaulichen die zahlreichen pharmazeutischen Reminiszenzen gerade aus seiner literarischen Frühzeit: So soll etwa der "Todtentanz" (1831) vom "Arsenal des Todes", dem Giftschrank der Arnstädter Apotheke, inspiriert worden sein. Auf die Ambivalenzen seiner Lehrzeit spielt Bechstein auch in der Novelle "Der Lehrling zum König Salomo" (1832) an: "Neun Musen habe ich verlassen," lässt er seinen 17-jährigen Lehrling Ludolph bei sich denken, "neun Pflichten finde ich wieder", in deren Geiste Ludolph "die edle Apothekerkunst zu erlernen habe": mit "Treue, Fleiß und Gehorsam, Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und Ordnung, Mäßigkeit, Nüchternheit und Friedfertigkeit." In "Der Gehilfe zum König Salomo" (1835) lässt der angehende Märchenpoet schließlich bereits Zauberhaftes anklingen. So träumt Ludolph davon, "nun selbst eine Apotheke zu etablieren, einfacher als die einfachste homöopathische, diese sollte nur ein einziges Gefäß enthalten, und dies ein einziges Mittel. Auf der Flasche sollte mit großen Goldbuchstaben stehen: Lebenselixier. …

Zum 150. Todestag Ludwig Bechsteins bereiten die Meininger Museen eine Sonderausstellung vor. Sie findet ab 25. November 2010 im Schloss Elisabethenburg statt.
Mehr Infos gibt es unter meiningermuseen.de

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