Ärzte Zeitung online, 08.06.2010

Voodoo im Strafraum - Fußball und Magie in Afrika

FRANKFURT / MAIN (eb). Magie ist im afrikanischen Fußball so lebendig, weil sie in weiten Teilen Afrikas eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist. Der "Witchdoctor" gehört zum Team wie Trainer und Masseur - auch wenn die "Confédération Africaine de Football" (CAF) untersagt, dass die Magier in Aktion treten.

Voodoo im Strafraum - Fußball und Magie in Afrika

© C.H. Beck-Verlag

Wie und warum gehen Fußball und der Glaube an magische Rituale in den Ländern südlich der Sahara eine so enge Verbindung ein? Das erforscht Oliver G. Becker, Dokumentarfilmer und Mitglied im Beirat des Zentrums für interdisziplinäre Afrikaforschung an der Goethe-Universität, seit mehr fünf Jahren.

Die Kraft der Magie ist für viele afrikanische Fußballer ähnlich bedeutend wie Training, Kondition und Strategie. Vor dem entscheidenden Fußball-Match bestreicht der "Witchdoctor" Knöchel und Schienbeine der Spieler mit einer Mischung aus Kräutern, Tierblut und Partikeln eines Skorpions.

Er beschreibt die Schalen von Eiern und Kokosnüsse mit den Namen gegnerischer Spieler und beschwört diese mit magischen Formeln. Die Eier und Kokosnüsse werden auf dem Platz zerschmettert und die Gegenspieler so symbolisch geschwächt; vor dem Torraum verbrennen und vergraben Spieler am Vorabend Tier- und Pflanzenteile.

Seine Recherchen beschreibt Becker als eine Reise in ein Zwischenreich des modernen Sports: Der Hexenmeister im Fußballverein gehört zur traditionellen afrikanischen Kultur, auch in einer globalisierten Welt, in der viele afrikanische Sportler davon träumen, auf die Transferliste europäischer Vereine zu kommen.

"In einer sehr modernen durchkommerzialisierten Sportart wie dem Fußball haben diese traditionellen Riten ihren Platz. Fußball und Magie sind zwei Bereiche, die hohe Bedeutung in Afrika haben und die sich wechselseitig durchdringen." Überall, wo in Afrika der Ball rollt, spielen auch die Geister mit: "Eine Nationalmannschaft wird verflucht, verliert - und ein Staatsminister bezahlt, damit sie vom Fluch befreit werden", hat der Politologe Becker, der 1996 sein Studium an der Goethe-Universität abschloss, beobachten können. Werden diese Rituale auch bei der Fußballweltmeisterschaft eine Rolle spielen? Dazu Becker: "Offiziell versucht sich die CAF von diesen magischen Zeremonien zu lösen. Es gibt aber nicht wenige Manager und Trainer, die sich diesen Traditionen nach wie vor verbunden fühlen."

Becker erforscht seit über neun Jahren diese verschlossenen Welten. Von Ghana im Westen über Südafrika und Swasiland im Süden des Kontinents bis nach Uganda und Tansania im Osten Afrikas dokumentierte er, was offiziell nicht erlaubt ist: Ein Besuch beim "Witchdoctor" gehört zum Ritual vor Spielbeginn, er soll helfen, die eigene Mannschaft zu stärken oder die Kräfte des Gegners zu schwächen. Die Rituale unterscheiden sich in den 54 afrikanischen Nationen, auch darüber gibt Becker Auskunft.

Auch von Ritualen, die auf Europäer eher befremdlich wirken, erfuhr Becker, wohnte ihnen aber nicht selbst bei: Hexenmeister und einige Spieler gehen auch in Leichenhäuser, waschen dort Verstorbene, um die Flüssigkeit dieser Waschungen aufzufangen und dann als beschwörendes Elixier gegen die gegnerische Mannschaft einzusetzen.

Becker wird nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Südafrika fliegen. Er ist in anderer Mission in Sachen Fußball unterwegs: Abseits des "Glamour-Events" in Südafrika findet in Ruanda und Kongo das Fußballturnier "Four Countries for Peace" statt. Dort messen die ehemaligen Kriegsgegner Ruanda, Burundi, Kongo und Uganda ihre Kräfte beim Fußball -"ein Akt zur Verständigung und Versöhnung", so Becker, der im Auftrag des Deutschen Fußballbunds (Abteilung internationale Beziehungen) diese Begegnungen filmen wird.

Jetzt ist das Buch zu seinem Film erschienen - mit vielen zusätzlichen Informationen insbesondere zur Historie des Fußballs in Afrika: So haben Kolonialbeamte, europäische Soldaten und Missionare bereits im 19. Jahrhundert das Spiel um das runde Leder nach Afrika gebracht.

Oliver G. Becker: Voodoo im Strafraum - Fußball und Magie in Afrika, C.H. Beck-Verlag 2010. Broschiert, 198 Seiten, 9,95 Euro. ISBN-10: 3406601316; ISBN-13: 978-3406601316
Weitere Informationen zu Oliver G. Becker

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