Ärzte Zeitung online, 25.06.2010

Die letzten NS-Emigranten in Berlin

BERLIN (dpa). Wie ist es für Holocaust-Überlebende und ihre Kinder, in die Stadt der Täter zurückzukehren? Eindrücke von einer Tour durch Berlin, die vielleicht die letzte ihrer Art war.

Von Caroline Bock

Judi Hannes kämpft mit den Tränen. Wie es in Berlin ist? "Wenn Sie das fragen, muss ich weinen", sagt sie. Die Amerikanerin hat 40 Verwandte durch den Holocaust verloren, sie trägt Fotos von ihnen in der Tasche. Ihre Eltern sind gerade noch rechtzeitig vor den Nazis geflohen. Berlin hat seit 1969 ein Besucherprogramm für Bürger, die wegen Hitler die Stadt verlassen mussten. Jetzt ist die letzte große Gruppe zu Gast, das Programm läuft nach 35 000 Besuchern aus.

Viele Zeitzeugen der Judenverfolgung leben nicht mehr. Selbst die Kinder der Holocaust-Überlebenden sind jetzt im Rentenalter. So wie Judi, die mit ihren blonden Locken nicht wie 65 aussieht. Sie war noch nicht geboren, als die Eltern ausreisen mussten. Aber die Erfahrung, ohne ihre Verwandten aufzuwachsen, hat sie geprägt. "Wir sind immer noch Überlebende. Wir sind die Stimmen unserer Eltern." Die Stadtrundfahrt, vorbei am Holocaust-Mahnmal und der NS-Gedenkstätte Topographie des Terrors, wühlt sie sehr auf.

Das geht vielen so. 80 Besucher sind angereist, von weit her, aus Bolivien, Israel, den USA. Die ältesten sind um die 80 Jahre alt, Mutter-Tochter-Gespanne und Ehepaare sind darunter. Zwei Rotkreuz-Helfer passen auf die Gäste auf, die je eine Begleitperson mitbringen dürfen. In die alte Heimat, das Land der Täter zu reisen, ist für manche nicht einfach.

Aviva Steinman hatte gemischte Gefühle, bevor sie in Los Angeles ins Flugzeug stieg. "Es ist so, als ob man mit seinem Vergewaltiger konfrontiert wird", sagt die 71-Jährige, während sie auf einem Stein des Holocaust-Mahnmals sitzt. Ein harter Satz. Aber er drückt aus, dass es für sie nicht irgendeine Europareise mit Eiffelturm und Venedig-Romantik ist.

Die New Yorkerin Esther Kartiganer, ebenfalls eine gebürtige Berlinerin, ist ein anderer Typ. "Überall Bäume!", freut sie sich bei der Rundfahrt. Im Bus setzt sich die pensionierte Fernsehproduzentin um, weil ihr das Geschnatter hinten zu laut geworden ist. "Jeder im Bus hat eine Geschichte", sagt die 72-Jährige. Das findet sie hochinteressant. Aber jetzt will sie gerne den Erklärungen der Stadtführerin lauschen. Wie sie zu Deutschland steht? "Es hätte überall passieren können. Es gibt keine guten oder schlechten Nationen."

Später hören die Besucher am Rande des Empfangs im Rathaus mit Interesse, dass "Mayor" Klaus Wowereit offen zu seinem Schwulsein steht. So tolerant ist die Stadt geworden. "Gut für Berlin", sagt eine alte Dame. "Wir wissen, dass es sehr emotionale Tage sind", sagt Wowereit. Und betont: "Wir wollen erinnern, wir wollen nicht vergessen." Die Stadt überlege, welche Besucherprogramme es künftig geben könne - nach der ersten Generation, die noch in Berlin geboren ist.

Im Anschluss an die Rede kommt ein über 80 Jahre alter Mann auf Wowereit zu und stellt sich vor: "Curt Lowens, früher Löwenstein". Er bedankt sich für die Reise. Vor fast genau 70 Jahren hat der Schauspieler Berlin verlassen, er ringt um Fassung. Und überspielt die Situation mit Humor: "Ich habe viele Nazis gespielt", erzählt er Wowereit.

Viele Besucher sind so dankbar wie Curt Lowens. "Ich kenne kaum jemanden, der gesagt hat, er wäre besser zu Hause geblieben", sagt Rüdiger Nemitz, der das Besuchsprogramm betreut. Mit dem Alter würden viele erkennen, dass sich durch die Rückkehr in die Heimat ein Kreis schließe.

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