Ärzte Zeitung online, 25.07.2010

Loveparade endet im Tunnel des Todes

19 Tote nach Massenpanik / Veranstaltung soll nicht mehr fortgesetzt werden

Sie war bekannt als das "Fest der Liebe", doch die jüngste Loveparade endete in einer Tragödie. 19 Menschen kamen bei einer Massenpanik ums Leben, hunderte wurden verletzt. Nun beginnt die Suche nach den Schuldigen - und der Veranstalter verkündet das endgültige Aus der Loveparade.

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Der Tunnel am Tag danach - die Menschen mussten sich durch die etwa 20 Meter breite und 120 Meter lange Unterführung zwängen. Durch einen Besucherstau kam es zur Massenpanik.

© dpa

DUISBURG (nös). Gespannt wurde am Sonntagmittag die Pressekonferenz erwartet, die erklären sollte, wie es zu der Katastrophe in Duisburg kommen konnte. Ein Unglück, das nicht mit Worten zu beschreiben sei, nannte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) den Tod von 19 Menschen bei der Loveparade. Er empfinde große Trauer. Sauerland warnte aber auch vor voreiligen Schuldzuweisungen. Nun müsse zunächst die Staatsanwaltschaft ermitteln.

Ähnlich äußerten sich auch der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, der Leiter des Duisburger Krisenstabs, Wolfgang Rabe, und der stellvertretende Polizeipräsident, Detlef von Schmeling. Doch auf die Frage, wie dieses Unglück überhaupt passieren konnte, wichen sie aus. Auch die Fragen, ob im Vorfeld der Veranstaltung Fehler gemacht oder Warnungen ignoriert wurden, blieben unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft habe die Ermittlungen aufgenommen, mehr könne man im Moment nicht sagen, hieß es unisono.

Die Bilanz der Loveparade am 24. Juli ist verheerend. 19 Menschen kamen ums Leben, mehr als 340 wurden verletzt, als am späten Samstagnachmittag unter den Besuchern eine Massenpanik ausbrach. Unter den Toten befinden sich nach Polizeiangaben auch Gäste aus Australien, China, Italien, Bosnien-Herzigowina und den Niederlanden. Mit den Konsulaten stehe man in Verbindung, sagte von Schmeling. Auch mit den Angehörigen der Opfer habe man sich Sonntag in Kontakt gesetzt.

Hunderttausende Besucher des weltgrößten Techno-Events hatten sich am Samstagmittag auf den Weg zum alten Duisburger Güterbahnhof gemacht. Aus zwei Richtung strömten die Massen dorthin, zwischen zwei Tunneln trafen sie aufeinander, wo ein gepflasterter Weg zum Güterbahnhof hinaufführt.

Nach Zeugenaussagen entstand an dieser Stelle eine unerträgliche Enge. Viele hätten versucht, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach nach Angaben der Polizei die Panik aus.

Feuerwehren und Rettungsdienste starteten einen gigantischen Einsatz. Die am Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen bereits gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. In den Tunneln, in denen sich die Katastrophe abspielte, fuhren noch bis spät in die Nacht hinein Notarztwagen mit Blaulicht. Leicht verletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken gefahren.

Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich von der Tragödie in Duisburg geschockt. "Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen, stattdessen gibt es Tote und Verletzte", sagte die Kanzlerin. Auch Papst Benedikt XVI. gedachte den Opfern. "Ich denke im Gebet an die jungen Menschen, die ihr Leben verloren haben", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Sonntag beim Angelus-Gebet in seinem Sommersitz Castel Gandolfo.

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Am Eingang des Tunnels waren die Besucher von Zäunen und steilen Wänden gefangen.

© dpa

Am Sonntagnachmittag wollen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (beide CDU) mit Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) in Duisburg eintreffen. Gemeinsam wollen sie sich im Polizeipräsidium ein Bild von der Lage nach der Katastrophe machen.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Die Ermittlungen richteten sich gegen unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Sonntag. Die Ermittlungsbehörde habe das Sicherheitskonzept der Loveparade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg beschlagnahmt. Die Papiere seien bereits am Samstagnachmittag sichergestellt worden.

Eine Anzeige soll Medienberichten zufolge aus den Reihen der Duisburger Feuerwehr kommen. Der Chef der Berufsfeuerwehr soll bereits im Vorfeld Sicherheitsbedenken angemeldet und darauf gedrängt haben, die Loveparade abzusagen. Der Leiter des Krisenstabs, Wolfgang Rabe, dementierte diese Berichte am Sonntag.

Doch die Kritik am Sicherheitskonzept der Veranstaltung wird lauter. So kritisierte die Gewerkschaft der Polizei (GdP), es sei sehr gefährlich, bei Massenveranstaltungen das Gelände fast komplett einzuzäunen. Bei der Loveparade in Berlin habe es immerhin weite Ausweichflächen im Berliner Tiergarten gegeben, sagte der stellvertretende Berliner GdP-Vorsitzende, Michael Reinke. Detlev von Schmeling von der Duisburger Polizei verwies hingegen auf die angrenzenden Bahntrassen und die Autobahn 59. Man habe das Gelände zur Gefahrenabwehr einzäunen müssen.

Auch die Frage nach den Platzverhältnis am alten Duisburger Güterbahnhof wird gestellt. Nach eigenen Angaben hat der Veranstalter mehr als einer Million Besucher erwartet. Das Gelände ist nach den Worten des Krisenstabchefs Rabe aber nur für maximal 250 000 Menschen geeignet. Zu den Besucherzahlen gibt es bislang widersprüchliche Informationen. Medienberichte vom Sonntag, wonach über eine Million Menschen das Festival besucht haben sollen, wies Rabe zurück.

Die Veranstalter haben bereits Konsequenzen aus dem Unglück gezogen. Rainer Schaller verkündete am Sonntag das Aus der Loveparade. Nach dieser Tragödie könne man nicht mehr weiterfeiern. "Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären", sagte er.

Die Loveparade war 1989 in Berlin gegründet worden. Von einer anfänglich kleinen politischen Demonstration wuchs sie stetig. 1997 brach sie zum ersten Mal die Marke von einer Million Besuchern, 1999 nahmen rund 1,5 Millionen Menschen an der Party auf der Straße des 17. Juni in Berlin teil. Seit 2006 fand die Veranstaltung in verschiedenen Städten im Ruhrgebiet statt, sie zog dabei jedes Mal mehr als eine Million Besucher an.

Alle Berichte zur Tragödie in Duisburg:
Mi., 18:39 - Loveparade-Veranstalter hat Vorschriften nicht umgesetzt
Mi., 13:50 - Loveparade-Opfer: Die Gefühlswelt wird noch lange gestört sein
Mi., 10:48 - Loveparade: Weiteres Opfer gestorben, Ministerium legt Bericht vor
Di., 19:14 - Loveparade: Mauer des Schweigens wird rissig
Di., 18:12 - Wer beschuldigt wen? Akteure der Loveparade in Duisburg
Di., 16:04 - Wie viele Menschen waren wirklich auf der Loveparade?
Di., 14:49 - Psychotherapeuten richten Hotline ein
Di., 08:52 - Loveparade: 20 Tote, heftige Kritik an Polizei, Sicherheits-TÜV gefordert
Mo., 19:09 - Kölner Polizei übernimmt Ermittlungen zu Loveparade-Tragödie
Mo., 18:11 - Polizei: 1,4 Millionen Besucher unmöglich
Mo., 17:02 - Zahlen aus Duisburg: 511 Verletzte bei Loveparade, 15 Festnahmen
Mo., 15:15 - Nach dem Einsatz in Duisburg: "Ich empfand die Situation als surreal"
Mo., 15:10 - Im Gespräch: Ersticken in der Menschenmasse
Mo., 13:40 - Staatsanwaltschaft: Niemand mehr in Lebensgefahr
Mo., 12:06 - Duisburg plant Trauerfeier für Todesopfer
Mo., 11:23 - Loveparade-Tragödie: "Profilierungssucht und amateurhafte Organisation"
Mo., 09:54 - Überprüfung aller Großveranstaltungen gefordert
So., 14:30 - Loveparade endet im Tunnel des Todes

Videos bei YouTube:
Loveparade Duisburg 2010 Chaos beim Ein-/Ausgang - Massenpanik
Loveparade Duisburg 2010 Chaos Teil 2 Massenpanik
Loveparade 2010 - Partygelände am ehemaligen Güterbahnhof

Weitere Informationen im Internet:
Mitteilungen bei Twitter
Wikipedia-Artikel zur Loveparade
Liveticker des Westdeutschen Rundfunks

[28.07.2010, 10:22:39]
Daniel KUPPER 
Nie mehr Loveparade
Solche Grossveranstaltungen, wo die Leute nicht auf Sitzplätze bleiben, wie in einem Stadion, sollte man generell verbieten. In einem Stadion kann man die Leute portionsweise herein und herauslassen, dass ist in einer Arena mit einem folkloristischen Umzug nicht möglich.  zum Beitrag »

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