Ärzte Zeitung online, 27.07.2010

Loveparade: Mauer des Schweigens wird rissig

Neue Töne im Loveparade-Skandal. Die NRW-Ministerpräsidentin fordert offensiv politische Verantwortung ein. Der Innenminister will informieren. Nur in Duisburg wird weiter geschwiegen - dort herrscht der politische Gegner.

Von Thomas P. Spieker

DÜSSELDORF. Ohne mit der Wimper zu zucken spricht Hannelore Kraft von politischer Verantwortung. Wen die neue Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen meint, ist klar: den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Seit Tagen duckt sich der CDU-Mann weg - die SPD-Politikerin Kraft wird auf ihn keine Rücksicht nehmen.

An diesem Mittwoch schickt sie ihren Innenminister Ralf Jäger vor die Presse. Er hat dem Kabinett bereits über "Duisburg" berichtet. Darf man sich Neues erhoffen? Klarheit darüber, wer wann was entschieden und zu verantworten hat? Oder bleibt die Öffentlichkeit weiter darauf angewiesen, dass Medien hervorkramen, was nicht für sie bestimmt war?

Protokolle von Beamten-Sitzungen, Vermerke, Warnungen, Unterschriften - etliches hat bereits den Weg aus den Schubladen des Duisburger Rathauses gefunden. Da wurden Sicherheitsbestimmungen zur Seite gewischt, Zweifel überhört. "Der OB wünscht die Veranstaltung und daher muss hierfür eine Lösung gefunden werden" - das war die Devise laut einem Dokument, das die "WAZ" zu Tage förderte.

Jetzt schirmt eine Mauer des Schweigens alles ab, was möglicherweise bereits langsam aufgeklärt wird. Staatsanwälte und Polizisten sind schon von Berufs wegen ziemlich verschlossen, solange ein Ermittlungsverfahren läuft. Und die Verantwortlichen in der Verwaltung tun, worüber sich Rechtsanwälte von Straftätern freuen: "Mund halten, nichts sagen und abwarten was der Vorwurf ist", so erläutert der Jurist Ekkehard Schäfer die Strategie.

Viele Menschen in Duisburg und anderswo haben allerdings wenig Verständnis für juristische Klugheiten angesichts des Schicksals von 20 jungen Menschen, die im Gedränge erbärmlich zu Tode gequetscht wurden. Sie fordern den Rücktritt des Oberbürgermeisters. "Du hast versagt", konnte Sauerland auf einem Schild am Ort der Massenpanik lesen.

Der Stadtchef hat "Verständnis" für Rücktrittsforderungen, will ihnen aber nicht nachkommen. Erst sollen "die Puzzleteile zu einem Gesamtbild" zusammengefügt werden. Am Donnerstag wollen Demonstranten vor dem Duisburger Rathaus deutlich machen, dass sie das entschieden anders sehen. Im Internet wird schon kräftig dafür geworben.

Wie lange sich der bislang beliebte Stadtvater, der jetzt Polizeischutz braucht, noch halten kann, ist offen. Seine Parteifreunde - die NRW-CDU ist derzeit ohnehin orientierungslos - halten sich heraus, springen ihm aber auch nicht bei. Von der neuen rot-grünen Landesregierung kann Sauerland erst recht keine Hilfe erwarten. Und dass auch vertrauliche Dokumente irgendwann den Weg in die Öffentlichkeit finden, zeigten schon die letzten Tage. So graben sich langsam aber stetig Risse in die Mauer des Schweigens. (dpa)

Alle Berichte zur Tragödie in Duisburg:
Mi., 18:39 - Loveparade-Veranstalter hat Vorschriften nicht umgesetzt
Di., 13:50 - Loveparade-Opfer: Die Gefühlswelt wird noch lange gestört sein
Mi., 10:48 - Loveparade: Weiteres Opfer gestorben, Ministerium legt Bericht vor
Di., 19:14 - Loveparade: Mauer des Schweigens wird rissig
Di., 18:12 - Wer beschuldigt wen? Akteure der Loveparade in Duisburg
Di., 16:04 - Wie viele Menschen waren wirklich auf der Loveparade?
Di., 14:49 - Psychotherapeuten richten Hotline ein
Di., 08:52 - Loveparade: 20 Tote, heftige Kritik an Polizei, Sicherheits-TÜV gefordert
Mo., 19:09 - Kölner Polizei übernimmt Ermittlungen zu Loveparade-Tragödie
Mo., 18:11 - Polizei: 1,4 Millionen Besucher unmöglich
Mo., 17:02 - Zahlen aus Duisburg: 511 Verletzte bei Loveparade, 15 Festnahmen
Mo., 15:15 - Nach dem Einsatz in Duisburg: "Ich empfand die Situation als surreal"
Mo., 15:10 - Im Gespräch: Ersticken in der Menschenmasse
Mo., 13:40 - Staatsanwaltschaft: Niemand mehr in Lebensgefahr
Mo., 12:06 - Duisburg plant Trauerfeier für Todesopfer
Mo., 11:23 - Loveparade-Tragödie: "Profilierungssucht und amateurhafte Organisation"
Mo., 09:54 - Überprüfung aller Großveranstaltungen gefordert
So., 14:30 - Loveparade endet im Tunnel des Todes

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