Ärzte Zeitung online, 10.08.2010

Als die Neiße kam, ging das Warten los

Das Neiße-Hochwasser kam rasend schnell. Mancher, der noch schnell sein Auto in Sicherheit brachte, kam anschließend nicht mehr in die Wohnung zurück. Andere saßen auf notdürftig gepackten Koffern und warteten mit bangen Herzen. Erinnerungen an das Hochwasser 2002 kamen hoch. Ein Bericht aus Görlitz.

Von Gabriele Wagner

Als die Neiße kam, ging das Warten los

Nur noch die Dächer sind sichbar: Diese Autos an einer Pension in der Görlitzer Uferstraße konnten vor der Flutwelle nicht mehr in Sicherheit gebracht werden.

© dpa

GÖRLITZ. "Wenn man das nicht selbst gesehen hat, kann man sich das gar nicht vorstellen." Immer wieder fällt dieser Satz, als Annette Schöller* aus Görlitz über das Hochwasser erzählt. Ihr Haus liegt etwa 400 Meter Luftlinie von der Neiße entfernt. Sie war an diesem 7. August zu Hause, als der Damm in Polen brach. Weder Fernsehen noch Radio hatte sie an. Von dem nahenden Hochwasser hörte sie zum ersten Mal von ihrer Tochter, die in der Stadt unterwegs war und anrief: "Du, die Neiße steigt ja rasend schnell."

"Ich sagte ihr nur, wir müssen den unteren Stock räumen, komm sofort nach Haus. Dann haben wir alles - Kleider, Schuhe - nach oben ins Wohnzimmer gebracht. Und dann das Nötigste in einen Koffer gepackt, vor allem Papiere." Dann ging das Warten los. "Wir wussten ja nicht, wann wir das Haus verlassen müssen."

Sie wollten nur schnell zu ihrem Auto - und konnten nicht mehr zurück

Freunde der Schöllers hörten ebenfalls von anderen, dass die Neiße, die ohnehin schon randvoll war, rasend schnell weiter stieg. Sie liefen aus der Wohnung, um ihr Auto auf eine höher gelegene Straße zu fahren. Als sie zurück wollten, kamen sie nicht mehr in das Haus. Inzwischen stand das Wasser kniehoch, und die Haustür ging nicht mehr auf. "Sie hatten nur das, was sie am Leib trugen - und ihren Autoschlüssel." Mit nassen Hosenbeinen kamen sie bei Freunden an, wo sie Unterschlupf fanden.

Die Stadt Görlitz hat schnell reagiert. Autohalter wurden angerufen, die ihre Fahrzeuge in Neiße-Nähe geparkt hatten. Einer Freundin von Annette Schöller half das aber nicht: Sie hatte sich ein Auto geliehen, niemand in der Straße wusste, wem es gehört. Da konnte auch die Stadt nicht helfen. Als die Freundin vom Hochwasser hörte, war es schon zu spät. Von einer höher gelegenen Stelle aus sah sie nur noch das Autodach aus den Fluten ragen.

Als der Urlauber den Anruf bekam, glaubte er an einen Scherz

Andere Einwohner waren im Urlaub, als die Flut kam. "Ich habe einen Bekannten angerufen, der in einer entlegenen Gegend Urlaub machte. Ich sagte ihm, Dein Haus steht im Wasser", berichtet Schöller. Er wollte das nicht glauben, hielt es für einen Scherz. "Da bin ich hingegangen, hab mit dem Handy ein Foto gemacht und ihm geschickt. Wenn man das nicht selbst gesehen hat, kann man sich das gar nicht vorstellen", sagt sie wieder.

Der Bekannte bracht sofort seinen Urlaub ab. Aber er konnte nichts mehr tun. Seine Wohnung liegt zwar im ersten Stock und war vom Wasser verschont geblieben. Doch er konnte nicht in das Haus. Wann er seine Wohnung wieder betreten kann, ist unklar. Denn das Haus könnte vom Einsturz bedroht sein.

"Das Schreckliche sind auch die Gedanken daran, was man nicht alles mitnehmen kann. All die Erinnerungen wie alte Familienfotos, all die Kleinigkeiten, an denen man hängt und die gar keinen materiellen Wert haben und die niemand ersetzen kann", sagt Schöller. Sie harrte mit ihrer Familie aus, schlafen war kaum möglich. "Vor allem hatten wir Angst, dass der Bach in der Nähe, der durch Rohre geleitet wird, überlaufen würde. Ich erinnerte mich, was ich beim Hochwasser 2002 erlebt hatte."

Bei der Jahrhundert-Flut kam das Wasser durch die Toiletten

Damals war Annette Schöller in Dresden gewesen. Das Hochwasser kam durch die Kanalisation, drückte hoch in die Toiletten. "Das Wasser sprudelte aus dem Klo, da kann man nichts machen. Alles lief voll. All diese braunen Wassermassen. Wenn man das nicht selbst gesehen hat, kann man sich das gar nicht vorstellen.

Schöllers haben in diesem Jahr Glück gehabt. Die Neiße ist nicht bis zu ihnen gekommen, der Bach nicht in die Kanalisation gelaufen. Seit Montag kommt wieder Wasser aus der Leitung. "Aber es ist eine ziemlich braune Brühe, die da aus den Hähnen kommt. Noch behelfen wir uns mit Mineralwasser."

Jetzt geht in Görlitz, wie auch andernorts in Sachsen, das Aufräumen los. "Wenn man an all die Menschen denkt, die alles verloren haben, außer ihrem Leben - das ist schon schrecklich. Unten an der Neiße müssen ja schon wieder alle Häuser renoviert werden."

Warum ziehen die Menschen dann dort nicht weg, möchte man fragen. "Man denkt ja nicht immerzu ans Hochwasser", sagt sie. "Klar, das gibt es immer wieder mal. Ich erinnere mich an ein Hochwasser Ende der Fünfziger Jahre, da war ich noch ein Kind. Ich stand mit meiner Oma in der Nähe der übergelaufenen Neiße. Wir sahen, wie die Menschen mit Eimern das Wasser aus ihren Kellern trugen." Als Kind sei das für sie unvorstellbar gewesen: Wasser in einem Keller. "Wenn man das nicht selbst gesehen hat, kann man sich das gar nicht vorstellen", sagt sie.

* Name von der Redaktion geändert.

Spendenkonten:
Ostsächsische Sparkasse Dresden, Stichwort "Sachsen helfen", Kontonummer 341 036 000, BLZ 850 503 00
DRK Sachsen, Stichwort "Nachbarn in Not", Kontonummer 312 000 207 0, BLZ 850 503 00

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