Ärzte Zeitung online, 17.08.2010

Trotz HIV-Infektion: No-Angels-Sängerin gesteht ungeschützten Sex

Es ist wohl einer ihrer schwersten Auftritte. Die No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa steht vor Gericht statt auf der Bühne. Sie soll einen Mann bei ungeschütztem Sex mit HIV angesteckt haben. Der 34-Jährige ist zum Auftakt des Prozesses dabei. Er erhebt schwere Vorwürfe.

Von Joachim Baier

Trotz HIV-Infektion: No-Angels-Sängerin gesteht ungeschützten Sex

"Ich wollte das nicht. Ich hatte die Kontrolle verloren." Die 28-jährige No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa am Montag im Amtsgericht Darmstadt.

© dpa

DARMSTADT. Nadja Benaissa wischt sich Tränen aus den Augen und gesteht: Obwohl sie von ihrer HIV-Infektion wusste, hatte die Sängerin der Casting-Band No Angels ungeschützten Sex mit einem Mann. Die 28-Jährige legt gleich zu Beginn ihres Prozesses vor dem Amtsgericht Darmstadt ein umfassendes Geständnis ab. "Es tut mir aber von Herzen leid", sagt die junge Mutter am Montag. "Ich wollte das nicht. Ich hatte die Kontrolle verloren." Sie sagt, sie habe von ihrer Ansteckung 1999 erfahren, diese verdrängt und ihre Partner deshalb nicht informiert.

Die Anklage wirft ihr vor, zwischen 2000 und 2004 fünf Mal mit drei Männern geschlafen haben, ohne dass ein Kondom benutzt wurde. Sie habe das "Risiko der Ansteckung bewusst und billigend in Kauf genommen". Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung. Im schlimmsten Fall drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft.

Im Gerichtssaal trifft Benaissa auf den Mann, den sie angesteckt haben soll. Der 34-Jährige ist Nebenkläger. Er zeigt sich verbittert und macht der Sängerin schwere Vorwürfe. "Du hast viel Leid in die Welt gebracht", sagt er und schaut die Angeklagte dabei an. "Ich bin in meiner Lebensqualität komplett eingeschränkt."

Es sei ihm nicht gelungen, mit Benaissa über die ganze Sache zu reden. Stattdessen habe er Drohungen von Managern erhalten. "Über die Zeit hat sich mein Brechreiz erhöht. Irgendwann ist Schluss mit lustig." Von Benaissas HIV-Infektion habe er erst 2007, drei Jahre später, erfahren - und auch nur über ihre Tante. Diese ist am Nachmittag noch als Zeugin geladen. Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen. Zu intime Details.

Benaissa trägt bei ihrem äußerst pünktlichen Erscheinen vor Gericht Jeans und eine lila Bluse. Sie zeigt sich äußerlich meist gefasst. Ihre dunkle Lockenmähne hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

1999 - noch vor dem Erfolg der No Angels - sei bei einer Schwangerschaftsuntersuchung festgestellt worden, dass sie sich mit HIV infiziert habe, erzählt Benaissa. "Ich war von dem Ergebnis völlig überrascht", berichtet sie in einer von ihrem Anwalt Oliver Wallasch verlesenen Erklärung. Die Krankheit sei bei ihr aber bisher nicht ausgebrochen. Sie nehme Medikamente.    

"Mit dem Erfolg der No Angels war ich überfordert", schildert Benaissa ihren rasanten Aufstieg mit der Band, die 2000 in einer TV- Show gecastet wurde. Sie habe sich nach Gerüchten unter Druck gesetzt gefühlt, dass ein Bekanntwerden ihrer HIV-Ansteckung das Aus für alle bedeutet hätte. "Ich konnte es nicht sagen. Ich hatte tierische Angst."

Die Sängerin war im April 2009 in Frankfurt am Main festgenommen worden. Sie saß zehn Tage in Untersuchungshaft. Da die Staatsanwaltschaft Details der Vorwürfe bekanntgab, wurde der Behörde vorgeworfen, das Sex-Leben einer Prominenten in die Öffentlichkeit gezerrt zu haben.

Für den Prozess sind noch vier Tage terminiert. Auch andere Mitglieder der No Angels sollen kommen. Eine zentrale Rolle wird die Frage spielen, ob nachgewiesen werden kann, dass sich der 34-Jährige tatsächlich durch den Verkehr mit Benaissa infiziert hat - und nicht durch eine andere Quelle. Nach Aussage von Experten verändert sich das Virus mit der Zeit stark. Eine Feststellung, wer wen infizierte, sei nach mehreren Jahren nicht mehr mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich.

Da Benaissa beim ältesten Tatvorwurf aus dem Jahr 2000 noch 17 Jahre alt war, muss sie sich vor einem Jugendschöffengericht verantworten. Hier ist je nach Einstufung als Jugendliche, Heranwachsende oder Erwachsene eine Verurteilung von maximal vier beziehungsweise fünf Jahren möglich. Das Amtsgericht kann den Fall aber auch an ein Landgericht abgeben, das die Möglichkeit einer Verurteilung von bis zu zehn Jahren hat. Der Prozess soll am 19. August fortgesetzt werden. (dpa)

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