Ärzte Zeitung online, 18.08.2010

Trendsport Klettersteig führt zu mehr Unfällen

Leitern, Drahtseile und künstliche Tritte - die unüberwindliche Felswand wird mit solchen Hilfsmitteln plötzlich begehbar. Klettersteige liegen im Trend - und die Zahl der Unfälle steigt.

Von Sabine Dobel

Trendsport Klettersteig führt zu mehr Unfällen

Ein Trendsport, der immer mehr Unfälle nach sich zieht: Klettersteigen an Felswänden.

MÜNCHEN. Es sollte nur eine Nachmittagstour werden. Die beiden Männer aus Traunstein hatten Bergerfahrung - und trotzdem unterschätzten sie die Herausforderung am Pidinger Klettersteig auf den Hochstaufen bei Bad Reichenhall massiv. Einer von ihnen startete nur in Trekking-Sandalen und ohne Klettergut und Helm - nach zwei Stunden Aufstieg stürzte er 200 Meter tief in den Tod. Er ist nicht der einzige, der den Pidinger Steig auf die leichte Schulter nahm. Obwohl der Eisenweg erst einige Jahre existiert, gab es schon mehrere Unfälle.

Die Gesamtzahl der Klettersteig-Unfälle hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. "Klettersteiggehen ist ein Trendsport", sagt Florian Hellberg von der Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins (DAV). Aus Naturschutzgründen hatte der DAV früher den Bau von Klettersteigen abgelehnt. Angesichts des großen Interesses beteiligt er sich nun aber an der Gestaltung der Steige und berät in Naturschutzfragen.

Immer mehr Menschen kommen auf den Geschmack, die Berge abseits ausgetretener Wanderwege zu genießen. Deshalb werden immer mehr Steige gebaut - Tourismusorte liefern sich teils einen Wettbewerb um den spektakulärsten - und damit oftmals gefährlichsten - Steig. Ein Problem: Ein Tour abzubrechen ist manchmal gar nicht so einfach, denn hinunter ist es meist noch schwieriger als hinauf.

Warum die beiden Männer am Pidinger Klettersteig nicht umkehrten, ist unklar. Während der eine zwar keinen Helm, aber wenigstens Bergschuhe und ein Klettersteig-Set dabei hatte, kletterte sein Freund ohne Ausrüstung. Er habe gemeint, sich so besser bewegen zu können, berichtet Kriminaloberkommissar Wolfgang Pfeffer, der immer wieder bei Kletterunfällen in der Fränkischen Schweiz ermitteln muss. Schon an der ersten schwierigen Stelle musste der Kletterer auf einen Umgehungsweg ausweichen. Obwohl es sogar einen Notausstieg gab, brach er die Tour dennoch nicht ab. Gut 250 Meter unter dem Gipfel hörte sein Kamerad einen Schrei und sah den Freund in die Tiefe stürzen.

"Die Gefahr besteht, dass die Drahtseile eine Sicherheit vermitteln, die nicht da ist", sagt Stefan Winter, DAV-Ressortleiter Breitenbergsport. Die meisten der tödlich verunglückten Opfer seien nicht gesichert gewesen. "Der Breitensport braucht nicht den schwierigsten und spektakulärsten, sondern den sichersten und schönsten Klettersteig", betont Winter deshalb.

Auch Familien mit Kindern nutzen die ausgebauten Steige gerne. Die Gefahr: Gerade für Kinder, aber auch für leichtgewichtige Frauen gibt es bisher kaum geeignete Klettersteig-Sets, die einen Sturz abbremsen und auffangen sollen. Denn diese sind auf 80 Kilogramm ausgelegt. Fällt ein leichterer Bergsteiger hinein, gibt es keine dämpfende Wirkung, der Fall ist extrem hart und gefährlich. Das hätten Tests mit Dummies ergeben, sagt Sicherheitsforscher Hellberg. "Das Ergebnis für leichte Personen ist alarmierend." Das Klettersteig-Set sei ohnehin ein "absolutes Notfallsystem" - ein Sturz birgt immer Verletzungsgefahren.

Ein weiterer gefährlicher Trend: Der Boom beim Hallenklettern sorgt für immer mehr Unfälle auch im Fels. Hallenkletterer lernen oft nur von Freunden - und können dann nur, was diese können.

In der Halle ist ohnehin alles einfacher: Es gibt stabile Sicherungspunkte in engen Abständen, unterschiedliche Farben weisen den Weg durch die Route. Im Fels fehlt plötzlich die Farbe, es gibt keine ergonomischen künstlichen Griffe - und deutlich weniger Sicherungspunkte. Wer in der Halle schwere Routen klettert, scheitert im Fels manchmal schon an vergleichsweise leichten Vorhaben. Die Hälfte aller Unfälle im Kletter-Eldorado Fränkische Schweiz habe es in dieser Saison mit Hallenkletterern gegeben, sagt Kriminaloberkommissar Pfeffer. "Man sieht, dass die Leute das Risiko nicht abschätzen können." (dpa)

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