Ärzte Zeitung online, 21.08.2010

Haftbefehl gegen Wikileaks-Chef

STOCKHOLM (dpa/nös). Die schwedischen Justizbehörden haben gegen den Gründer des Enthüllungsportals Wikileaks, Julian Assange, Haftbefehl wegen Verdachts auf zwei Vergewaltigungen ausgestellt. Der streitet die Vorwürfe ab, sein Aufenthaltsort ist unklar.

Haftbefehl gegen Wikileaks-Chef

Vielgesuchter Enthüller: Wikileaks-Chef Julian Assange. In Schweden wird er nun mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert.

© dpa

Wie eine Sprecherin der Stockholmer Staatsanwaltschaft am Samstag im Rundfunksender SR sagte, hatten sich zwei Frauen mit den Beschuldigungen gemeldet. Assange, der vor gut einer Woche zu einem Arbeitsbesuch nach Schweden gekommen war, wies die Beschuldigung in Mails an führende Stockholmer Medien als "haltlos" zurück. Er kündigte an, von sich aus Kontakt mit der Polizei aufzunehmen.

Wikileaks hatte zuletzt durch die Veröffentlichung Zehntausender US-Geheimdokumente zum Afghanistan-Krieg weltweit für Schlagzeilen gesorgt. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, dass US-Geheimdienste Julian Assange und seinen Mitstreitern nachstellen. Auch in Europa fühlt sich Assange nach eigenen Angaben unter Beobachtung: "Wir haben hier in den letzten Monaten einige Vorfälle entdeckt", sagte der Wikileaks-Chef vor einigen Wochen.

Unklar blieb zunächst, ob sich der Australier weiter in Schweden aufhält. Auch die Staatsanwaltschaft wisse das nicht, teilten die Justizbehörden mit. Eine Sprecherin sagte, dass die beiden Frauen keine Anzeige gegen Assange erstattet hätten.

Wegen der Schwere der Vorwürfe würde aber auch ohne Anzeige ermittelt. Der Haftbefehl sei wegen Verdunklungsgefahr ausgestellt worden. Assange mailte an die größte schwedische Tageszeitung "Aftonbladet": "Natürlich sind die Anschuldigungen über Vergewaltigung unwahr."

Der Wikileaks-Chef hatte bei seinem Besuch in Stockholm unter anderem eine Zusammenarbeit mit der schwedischen Piratenpartei vereinbart. Sie will Wikileaks kostenfrei Server zur Verfügung stellen.

Julian Assange - vom Hacker zum Aktivisten

Der Australier Julian Assange ist vom jugendlichen Hacker zu einem weltweit bekannten Internet-Aktivisten aufgestiegen. Der 39-Jährige Chef der Enthüllungsplattform Wikileaks, hatte seine Karriere mit dem PC-Klassiker Commodore 64 begonnen. War er damals als Hacker in fremde Netze eingedrungen, sieht er sich heute vielmehr als "journalistischer Aktivist".

Als Gruppe von Aktivisten versteht Assange auch das vom ihm 2007 gegründete Enthüllungsnetzwerk Wikileaks. Dort werden brisante und heikle Dokumente veröffentlicht, die nach Ansicht von Assange und seinen Mitstreitern dazu beitragen, dass die Welt besser wird.

Aufsehen erregte Wikileaks mit der Veröffentlichung des Bordvideos eines US-Kampfhubschraubers aus dem Jahr 2007. In dem Video aus Bagdad war zu sehen, wie elf Zivilisten - darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters - aus dem Hubschrauber heraus erschossen wurden. Seitdem tauchen immer wieder Gerüchte auf, dass US-Geheimdienste Julian Assange im Visier haben.

Assange selbst, der mal mit längeren schlohweißen Haaren, mal mit dunklerer Kurzhaarfrisur auftritt, behauptete kürzlich, er lebe zurzeit auf Flughäfen. Selbst in Europa fühlt er sich beobachtet.

Assange räumt ein, dass Wikileaks nicht jedes Geheimnis veröffentlichen darf. Aber wenn Organisationen sich anstrengen, eine Information zu verbergen, sei dies ein gutes Indiz dafür, dass diese Information besser veröffentlicht werden sollte.

Nach der jüngsten Veröffentlichung von rund 90 000 geheimen Dokumenten aus dem Afghanistan-Krieg, musste Wikileaks teils heftige Kritik einstecken. Politiker aus allen Teilen der Welt aber auch bekannte Menschenrechtsverbände wie Human Rights Watch warfen den Machern der Plattform vor, leichtfertig das Leben von Informanten aufs Spiel zu setzen. Terroristen könnten die veröffentlichten Dokumente für ihre Ziele verwenden.

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