Ärzte Zeitung, 31.08.2010

Erst Vorsorge, dann zur kleinen Meerjungfrau

Beim Besuch einer der Vorsorgeuntersuchungen U10, U11, oder J1 erhalten Kinder einen Gutschein für einen Theaterbesuch mit Begleitperson im Jungen Schauspielhaus Düsseldorf.

Von Myrta Köhler

Erst Vorsorge, dann zur kleinen Meerjungfrau

Theater auf Rezept: Szene aus "Undine, die kleine Meerjungfrau" im Düsseldorfer Schauspielhaus.

© Sebastian Hoppe

DÜSSELDORF. Geh ins Theater, und du sparst 'ne Menge Tabletten," sagt Stefan Fischer-Fels. Er ist Künstlerischer Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf und hat gemeinsam mit einigen Kinder- und Jugendärzten unter der Schirmherrschaft Peter Maffays eine bislang einzigartige Initiative ins Rollen gebracht: "Theater auf Rezept" soll jungen Menschen aus allen Schichten den Zugang zur Kultur ermöglichen. Beim Besuch einer der Vorsorgeuntersuchungen U10, U11, oder J1 erhalten Kinder einen Gutschein für einen Theaterbesuch mit Begleitperson im Jungen Schauspielhaus Düsseldorf.

Theater soll helfen, Persönlichkeit zu entwickeln

Dr. H. Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein, erklärt den Ansatz. Das Hauptproblem der heutigen Jugend verortet er in einer zunehmenden Bildungs- und Bindungslosigkeit: "Die Jugendlichen driften ab in Bereiche, die wenig mit Kultur zu tun haben. In Zukunft werden die Praxen voll sein mit persönlichkeitsgestörten Menschen - dem wollen wir vorbeugen."

Das Theater soll dabei helfen: Durch Beobachtung exemplarischer Problembewältigung auf der Bühne können junge Zuschauer die eigene Persönlichkeit entwickeln. "Theater verdichtet die Wirklichkeit bis zur Erkennbarkeit", sagt Stefan Fischer-Fels. "Die Kinder erkennen, welche Emotionen hinter einem Konflikt stecken. Das ist enorm wichtig für die psychische Gesundheit."

Experiment läuft seit einem Jahr

Das Live-Erlebnis im Theater birgt einen zusätzlichen positiven Aspekt, so Dr. Hans Michael Strahl, HNO-Spezialist in Düsseldorf: "Personare bedeutet ‚durchklingen'. Im körperlichen Erleben der Vibration erfasst man das Gegenüber - und setzt es in Bezug zur eigenen Person." So wirkt ein Theaterbesuch auf mehreren Ebenen nachhaltig - und somit auch präventiv.

"Theater auf Rezept" gibt es seit September 2009. Für das erste Jahr erhoffen sich die Initiatoren 15 000 "Verschreibungen" - das erfordert finanzielle und organisatorische Unterstützung.

Ermöglicht wurde die Initiative unter anderem durch die Stiftung "Kind und Jugend" des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Auf medizinischer Seite beteiligen sich vorerst alle Kinder- und Jugendärzte aus Düsseldorf, sowie einige aus den umliegenden Orten.

Die Initiatoren hoffen jedoch, dass sich die Aktion langfristig auf ganz Deutschland erstrecken wird - und ihre Hoffnung könnte in Erfüllung gehen.

Anfragen zur Umsetzung kamen von ärztlicher Seite unter anderem aus Aachen und Rostock. Von den rund 180 professionellen Kinder- und Jugendtheatern, die es in Deutschland gibt, bekundeten Häuser aus Berlin, Bonn und Wiesbaden Interesse an dem Konzept.

In Berlin führte das Grips Theater bereits erste Gespräche mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, in Bonn sind es gleich drei Bühnen: Dem Theater Marabu schlossen sich die Bühne in der Brotfabrik und das Junge Theater Bonn an.

Hier sollen bereits die Vorsorgeuntersuchungen U8 und die U9 miteinbezogen werden. Die Schirmherrschaft für das Projekt in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis übernimmt der ehemalige Bundesminister Dr. Norbert Blüm.

Weitere Informationen:

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/

www.kinderärzte-im-netz.de

http://www.hno-centrum-duesseldorf.de/Praxis/Team/strahl.html

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