Ärzte Zeitung online, 19.09.2010

Amoklauf in Lörracher Klinik

Die Polizei spricht von einer Beziehungstat, und es ist doch ein Drama, ein Amoklauf. Eine Frau tötet am Sonntagabend im baden-württembergischen Lörrach drei Menschen. In einer Klinik verletzten ihre Schüsse drei Pfleger und einen Polizisten. Am Ende stirbt sie selbst an den Kugeln. Nun gibt es mehr Fragen als Antworten.

Amoklauf in Lörracher Klinik

Feuerwehrleute löschen am Sonntag einen Brand im Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach Baden-Württemberg. Dort hat es am Sonntag einen Amoklauf mit Toten und Verletzten gegeben.

© dpa

LÖRRACH (nös). Es muss gegen 18 Uhr gewesen sein, als die Frau aus einem Lörracher Mehrfamilienhaus läuft. So schildert es die Polizei am Sonntagabend. Unter dem Arm trägt sie ein automatisches Gewehr. Ihr Ziel: das katholische Elisabethen-Krankenhaus, das gleich um die Ecke gelegen ist.

Dort angekommen, begibt sich die Frau direkt zur Gynäkologie. Ihre Schüsse töten einen Pfleger, drei weitere werden durch ihre Kugeln schwer verletzt. Auch einen Polizisten, der sich privat in der Klinik aufhielt, schießt die Frau an. Er und die drei Pfleger schweben mittlerweile außer Lebensgefahr.

Es ist 18.15 Uhr, als das Landeskriminalamt alarmiert wird. Rund zehn Minuten später sind die ersten Einsatzkräfte vor Ort. Ein Großaufgebot beginnt, Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei sammeln sich am Einsatzort. Der Bereich um das Elisabethen-Krankenhaus im Zentrum der Stadt wird komplett abgeriegelt, Versorgungszelte werden aufgebaut.

Ganz in der Nähe gab es eine Explosion, ein Haus brennt. Die Feuerwehr kann zunächst nicht in die Nähe - die Frau schießt auf die Einsatzkräfte. Erst durch die Gegenwehr der Polizei wird die Frau niedergestreckt. Sie stirbt kurz darauf an den Verletzungen.

Wenig ist am Sonntagabend klar. Die Polizei spricht von einer "Amoklage" und von einer "Beziehungstat". Doch wirklich Antworten hat sie nicht.

In dem Mehrfamilienhaus fand die Polizei einen toten Mann und ein totes Mädchen. Die beiden könnten die ersten Opfer der Frau gewesen sein. Sie hat dort Schüsse abgegeben. Kurze Zeit darauf soll es in diesem Haus eine Explosion gegeben haben.

Augenzeugen berichten von einem "riesigen Krach", den es gegeben habe. "Das hat einen richtigen Bums gemacht", sagte ein Augenzeuge. Die "Badische Zeitung" zitiert einen Anwohner mit den Worten: "Plötzlich war da eine Explosion und ein riesen Loch in der Wand."

Doch was die zwei Toten in dem Mehrfamilienhaus und der Amoklauf in der Klinik miteinander zu tun haben, bleibt unklar. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel.

Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer sagte am Sonntagabend: "Wir gehen von einem Zusammenhang aus." Warum es aber zu der Tat kam, bleibt bislang im Dunkeln. Man habe keine Idee für ein Motiv, so Inhofer. Die Opfer seien zur Stunde noch nicht identifiziert. Um Mitternacht soll es eine weitere Pressekonferenz geben.

Kriminalermittler und Gerichtsmediziner sind vor Ort. Sie suchen nach Spuren und Beweisen. Vor allem aber suchen sie nach Indizien, die einen möglichen Grund für die Tat offenbaren.

Gegenüber dem Fernsehsender "n-tv" sagte der Darmstädter Kriminalpsychologe Dr. Jens Hoffmann, dass nur rund fünf Prozent aller Amokläufer Frauen seien. Häufig hätten ihre Taten einen Familienbezug. Nicht selten seien allerdings auch psychische Erkrankungen und Wahnvorstellungen.

Das Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach ist eine katholische Klinik im Zentrum der rund 50 000 Einwohner zählenden Stadt. Die Klinik hat mehr als 220 Betten. Mit über 55 Ärzten verfügt sie unter anderem über ein Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, ein Zentrum für Gynäkologie und Geburtshilfe, eine Kinder- und Neugeborenen-Intensivstation und eine Abteilung für Anästhesie.

Außerdem gibt es Belegabteilungen der Fachrichtungen Hals-Nasen-Ohren und Urologie. Vor kurzem hat die Klinik eine Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie eröffnet.

Die Klinik war 1913 in Lörrach eröffnet worden. Träger ist seit 1925 der Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul. Seit 1. April 2006 ist er alleiniger Gesellschafter der St. Elisabethen-Krankenhaus GmbH.

Lörrach in der Nähe der Schweizer Grenze.

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