Ärzte Zeitung online, 20.09.2010

Ratten und Spitzel in DDR-Forschungsinstitut

GREIFSWALD-RIEMS (dpa). Es galt als Aushängeschild der DDR-Forschung: Doch das abgeschottete Tierseuchen-Forschungsinstitut auf der Ostsee-Insel Riems hatte während des Sozialismus keineswegs modernste High-Tech zu bieten. In den Augen der Stasi verfiel es sogar zum Sicherheitsrisiko.

Von Martina Rathke

Ratten und Spitzel in DDR-Forschungsinstitut

Warnhinweis im Friedrich-Loeffler-Institut. Zu DDR-Zeiten waren die hygienischen Zustände in dem Forschungsinstitut für Tierseuchen katastrophal.

© Jens Koehler / imago

Als noch niemand an die Öffnung der Grenze denkt, macht die DDR die Türen zu einem besonders gut gesicherten Bereich für den Westen auf. Am 4. Februar 1988 sehen sich Wissenschaftler aus Großbritannien, Westdeutschland, Frankreich und Luxemburg im hermetisch gesicherten Forschungsinstitut für Tierseuchen auf der Insel Riems bei Greifswald um. So viel Offenheit hat seinen Grund: Die DDR hofft auf Devisen durch den Verkauf eines Schweinepest-Impfstoffes nach Westeuropa.

Doch die Expertenkommission der Europäischen Gemeinschaft (EG) ist nach dem dreieinhalbstündigen, in einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) detailliert protokollierten Besuch schockiert. Die eingeladenen Forscher hätten den "vorgefundenen baulichen und technischen Zustand als erschreckend" eingeschätzt, heißt es in dem Geheimbericht. Am 8. Februar 1988 resümiert die Stasi, "dass es nicht ausgeschlossen ist, dass dieser Besuch negative Auswirkungen für die DDR hinsichtlich von Exportmöglichkeiten für Impfstoffe sowie von Tier- und Fleischexporten ins NSW (nichtsozialistische Wirtschaftssystem) entstehen lassen können". Sie behält Recht: Zu einem Verkauf des Impfstoffes in den Westen wird es bis zur Wende nie kommen.

Der Nachrichtenagentur dpa vorliegende Akten des Ministeriums für Staatssicherheit belegen nicht nur, dass im Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel in den 1980er Jahren unter widrigsten Umständen geforscht wurde. Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass weniger die Wirtschaftsspionage dem Geheimdienst Sorge machte, als vielmehr die Gefahr eines unkontrollierten Seuchenausbruchs. Mehrfach konstatiert das MfS ein "erhebliches Risiko hinsichtlich einer möglichen Tierseuchenerregerverschleppung aus dem VEB FLI". Ein Netz an Zuträgern, das die Stasi im Institut gesponnen hatte, lieferte mit seinen Informationen die Fakten für die begründete Sorge. Von den Bewohnern der umliegenden Dörfer - sofern sie nicht Mitarbeiter des Instituts waren - ahnte niemand etwas von der Gefahr.

Der 66-jährige Siegurd Tesmer arbeitete mehr als drei Jahrzehnte in dem Institut - in den letzten drei Jahren bis 1990 als Produktionsdirektor. Er kann sich an den Besuch der Westkollegen erinnern und auch an die Arbeitsbedingungen, unter denen er und seine Kollegen damals arbeiteten. "Ja, der Zustand der Produktionsanlagen war so", sagt der promovierte Tiermediziner und blättert in den Berichten und Fotos der Stasi-Behörde. Er antwortet mit Bedacht. Dann holt er tief Luft: "Immerhin, wir haben sterile Impfstoffe produziert, die in den sozialistischen Staaten hoch geschätzt wurden."

Die DDR sei das einzige mitteleuropäische Land gewesen, das wegen der auf dem Riems entwickelten Schweinepest-Impfstoffe frei von der Seuche war. Darauf und auf das Improvisationsvermögen der Riemser ist Siegurd Tesmer noch heute stolz. Wie zum Beweis des Gesagten demonstriert er ein Ausstellungsstück in einem kleinen veterinärhistorischen Museum, das der Rentner seit 2004 zusammen mit einem Kollegen führt: Eine Rollerkulturflasche für Zellen und Viren, angetrieben durch den Motor einer Wartburg-Scheibenwischeranlage. Das Teil funktioniert noch heute.

Die DDR-Presse feierte das "Vorzeigeinstitut mit internationaler Bedeutung"

Im medialen Gleichklang der DDR-Zeitungen wird der Riems unisono als Vorzeigeinstitut mit internationaler Bedeutung gefeiert. Doch der Forschungsbetrieb, 1910 von Friedrich Loeffler als weltweit erstes virologisches Tierseucheninstitut gegründet, lebt mit den veralteten Laboratorien und maroden Ställen von der Substanz. Der in führender Leitungsfunktion tätige Stasi-Informant "Kreuzberg" beklagt sich bei einem Treffen am 7. November 1985 über durchfeuchtete Wände in den Experimentierställen, schwerwiegenden Nagerbefall (Mäuse und Ratten) und über eine Infektion junger Schweine mit Maul- und Klauenseuche - obwohl mit diesen Tieren nicht experimentiert wurde.

Im Jahr 1982 kommt es dann zu einem für ein Virusinstitut größten anzunehmenden Imageschaden: Die Einrichtung, deren originäre Aufgabe darin besteht, die staatlichen Agrarbetriebe frei von Seuchen zu halten, wird selbst zu einem Sicherheitsrisiko. Wie Geheimdienstdokumente belegen, bringen Experten im September 1982 den Ausbruch der für Rinder hochinfektiösen und mit hohen wirtschaftlichen Verlusten verbundenen Maul-und Klauenseuche (MKS) auf der zehn Kilometer entfernten Insel Rügen mit dem Ausfall der Abwasserdesinfektionsanlage im Institut in Verbindung. Die staatlichen Stellen werden alarmiert.

Fachleute der Akademie für Landwirtschaften mit Sitz in Berlin untersuchen den Fall. Ein Bericht vom 7. Januar 1983 kommt zu einem erschütternden Ergebnis: Danach entsprechen "die veterinärmedizinische Ordnung, die Betriebs- und Produktionsordnung und die Einhaltung staatlicher Normative in einem Forschungs- und Produktionszentrum von zentraler Bedeutung keinesfalls den notwendigen Erfordernissen".

Einen Beweis für den Zusammenhang zwischen Seuchenausbruch und der kaputten Anlage bleiben die Experten indes schuldig: "Ein Nachweis der Kausalität zwischen der Störung und dem Ausbruch der MKS in Groß Schoritz ist nicht mehr möglich", heißt es abschließend. Statt als einzig logische Schlussfolgerung die maroden Forschungs- und Produktionsanlagen zu erneuern, werden der damalige Institutsdirektor Manfred Müller und der Parteisekretär auf Druck der Stasi abgelöst.

Doch das Desaster wiederholt sich: Fünf und sechs Jahre später entweichen den Dokumenten zufolge nach Dauerregen erneut potenziell infektiöse Abwässer in den Greifswalder Bodden. Als "Konsequenz" installiert die Stasi "drei weitere IM in Schlüsselpositionen". Von den Vorgängen hinter dem mit Stacheldraht geschützten Institutsareal erfährt die Bevölkerung nichts. Im November 1985 schreibt das SED-Blatt "Neues Deutschland": "Die MKS ist heute - dank der Arbeit des Riemser Instituts - in der DDR als gefürchtete Seuche überwunden."

Die Stasi dokumentiert die Missstände - und bleibt tatenlos

Der Arm der Stasi, besonders der Hauptabteilung XVIII, reicht weit in das Institut hinein. Deren Aufgabe besteht darin, Betriebe und Wissenschaftseinrichtungen mit volkswirtschaftlicher Bedeutung zu überwachen und damit die marode Volkswirtschaft am Leben zu halten. Die Geheimdienstler benennen - mithilfe ihres Informantennetzes - die Gefahren penibel, doch an den Ursachen rütteln sie nicht.

"Zuzugeben, dass die finanzökonomische Zwangslage im System der zentralistischen Planwirtschaft begründet ist, hätte nicht nur an den Grundpfeilern des SED-Staates gerüttelt, sondern auch gegen ihre eigene Überzeugung verstoßen", sagt der Historiker und Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde in Rostock, Volker Höffer. Stattdessen setzte die Stasi Institutsmitarbeiter unter Druck, monierte in Berichten unter Nennung von Klarnamen deren Inkonsequenz, Gleichgültigkeit und Unfähigkeit. Zugleich ließ sie sich von denselben Leuten weiter betriebsinterne Details zutragen.

Forscher und Arbeiter haben dem fortschreitenden Verfall der Betriebsstätten nichts entgegenzusetzen. "Der Bereich Technik des FLI "ist weder materiell-technisch noch personell den Anforderungen gewachsen", heißt es in einem Bericht von 1987. Kaum ein Schlosser will wegen des starken Lohngefälles im Vergleich zu anderen Baubetrieben und des fehlenden Wohnraums auf dem Riems arbeiten.

"Das Mangelsystem DDR ist an uns nicht vorbei gegangen", sagt Siegurd Tesmer. Dass Abwässer in den Bodden geflossen sind, kann er bestätigen. Ob diese infektiös waren, bleibt ungeklärt. Genauso wie die Frage, ob der Ausbruch der Rinderseuche MKS auf Rügen in Verbindung mit der Havarie im Riemser Institut steht. Vorstellbar sei es. "Bei dem desolaten Zustand konnte niemand die Hand dafür ins Feuer legen", sagt Tesmer.

Nach dem Fall der Mauer begann der Bund mit Sanierungsarbeiten im Institut auf dem Riems, dem ältesten virologischen Tierseucheninstitut der Welt. Derzeit entsteht für rund 300 Millionen Euro ein neuer Forschungskomplex mit Hochsicherheitslaboren und -ställen der höchsten Sicherheitsstufe L4.

Das Riemser Urgestein Tesmer arbeitet nach dem Ende der DDR zunächst als Geschäftsführer, dann als Vorsitzender des Aufsichtsrates der ausgegründeten Riemser Arzneimittel AG. Erst nach der Wende, als er Produktionsstätten in Leverkusen und Cuxhaven besuchte, habe er einschätzen können, unter welch primitiven Verhältnissen auf dem Riems produziert worden sei. "Ich habe mich dafür geschämt", bekennt er heute. Eine Verpflichtungserklärung der Stasi habe er nie unterschrieben, sagt Tesmer. Doch auch er sei vom Geheimdienst regelmäßig zu Auffälligkeiten im Produktionsbetrieb befragt worden, räumt er ein. "Einen Antrag auf Akteneinsicht habe ich seit Jahren zu Hause liegen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn ausfüllen soll."

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