Ärzte Zeitung online, 21.09.2010

Warten auf Obduktionsergebnisse nach Amoklauf

Nach dem Amoklauf von Lörrach suchen Polizei und Staatsanwaltschaft weiter nach den Motiven für die Tat. Das Bild der 41-jährigen Täterin bekommt immer mehr Konturen. Dennoch bleibt die Tat für die Ermittler rätselhaft.

Warten auf Obduktionsergebnisse nach Amoklauf

Blumen und Kerzen am Tag nach der Tat in Lörrach vor dem Elisabethen-Krankenhaus.

© dpa

LÖRRACH (dpa). Für Dienstagnachmittag erwarten die Ermittler erste Obduktionsergebnisse. Den bisherigen Ermittlungen zufolge wurde der Fünfjährige erschlagen. Nach Informationen der "Berliner Zeitung" hatte der Junge zudem eine Plastiktüte über dem Kopf. Die beiden Leichen wurden in der Wohnung des Vaters gefunden.

Im Anschluss an die Tat stürmte die Frau in das benachbarte St. Elisabethen-Krankenhaus, tötete dort einen Pfleger und wurde kurz darauf von der Polizei erschossen. Durch den Brand, den sie in ihrer Wohnung gelegt hatte, mussten 15 Bewohner wegen Rauchvergiftungen behandelt werden.

Die Amokläuferin von Lörrach ist vermutlich mit der noch frischen Trennung von ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn nicht klargekommen. Es liege nahe, "dass eine Beziehungsproblematik Auslöser für die Tat war", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer am Montag in Lörrach. Die von Polizisten getötete 41- jährige Sportschützin habe zuletzt "psychisch angespannt" gewirkt. In der Klinik, in der sie einen Pfleger erschoss, hatte sie vor sechs Jahren eine Fehlgeburt.

Ob das der Grund war, dass sie dort hin stürmte, ist noch unklar. Die Ermittler gehen auch weiterhin von einer Beziehungstat aus.

Der Kriminalpsychologe und Angstforscher, Christian Lüdke, hält die Fehlgeburt der Amokläuferin für ein starkes Tatmotiv - auch wenn dieses traumatische Erlebnis schon rund sechs Jahre zurückliegt.

Diskussion um Schusswaffen

Die Tat mit einer Sportwaffe hat eine neue Diskussion über das Waffenrecht ausgelöst. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech sagte in der ARD, solche Taten könnten auch durch verschärfte Gesetze nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft lehnte eine erneute Verschärfung des Waffenrechts nach dem Amoklauf von Lörrach ab. "Das Waffengesetz ist gut und reicht aus", sagte der Bundesvorsitzende Rainer Wendt der Nachrichtenagentur dpa. "Wir haben kein Gesetzes-, sondern ein Kontrolldefizit."

Wendt appellierte an die Kommunen, dafür mehr Personal einzustellen. Die sichere Aufbewahrung der rund zehn Millionen legalen Waffen in Deutschland müsse stärker kontrolliert werden. Zudem gebe es in der Bundesrepublik schätzungsweise rund 20 Millionen illegale, nicht registrierte Waffen, sagte Wendt.

Keine Sicherheitsdefizite in Kliniken

Als Sicherheitsmaßnahme im Fall von Amokläufen an Krankenhäusern wie in Lörrach empfiehlt ein Experte verborgene Alarmknöpfe. "Damit könnte die stets besetzte Brandmeldezentrale im Krankenhaus alarmiert werden", sagte Heinrich Knoche, der Seminare für Krankenhäuser an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz in Bad Neuenahr organisiert.

Knoches Ansicht nach müssten alle Abteilungen mit einem Alarmknopf ausgestattet sein. "Meines Wissens hat noch kein Krankenhaus in Deutschland eine solche Sicherung." Generell sieht Knoche keine besondere Sicherheitsdefizite in Krankenhäusern.

Das Thema Amoklauf erhalte aber neue Bedeutung. Es werde künftig deutlicher als bisher ansprochen werden, sagte der Experte. Eine Maßnahme sei ein stiller Alarm, der wie an einem Bankschalter über einen verborgenen Knopf auszulösen sei.

Auch beim Zugang zu Kliniken sei mehr Sorgfalt wichtig. Nebeneingänge dürften nicht offenstehen, der Haupteingang müsse mit Personal besetzt sein, das Besucher erst nach einem Gespräch einlasse. "Vielerorts ist die Gutgläubigkeit noch groß", sagte Knoche.

Er empfiehlt außerdem regelmäßige Treffen zum Thema Sicherheit im Krankenhaus, an denen neben dem Katastrophenschutzbeauftragten der Klinik auch deren Verwaltungs- und ärztliche Spitze teilnehmen sollte. Katastrophenschutzbeauftragte können Ärzte, Pfleger, Techniker oder Verwaltungsangehörige sein.

Als die Schüsse fielen, hielten sich in der gesamten Klinik den Angaben zufolge 180 Patienten auf, 13 davon in der gynäkologischen Abteilung. Kinder sind nicht Zeugen des Amoklaufs geworden. Die Kinderambulanz war in den Stunden des Amoklaufs nicht besucht gewesen.

Von der Explosion bis zum letzten Schuss vergingen nach Angaben der Ermittler knapp 40 Minuten. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, sagte, das Einsatzkonzept habe sich in Lörrach bewährt: "Das schnelle und beherzte Eingreifen der baden-württembergischen Polizei in einer unübersichtlichen und chaotischen Situation hat möglicherweise weitere Opfer verhindert."

Psychologische Betreuung für die Angehörigen

Nach dem Amoklauf im St. Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach werden noch immer Patienten, Angehörige und Mitarbeiter psychologisch betreut. Dieses Angebot von Seelsorgern und Psychologen werde es auch in den kommenden Tagen geben, sagte Klinik-Geschäftsführer Helmut Schillinger am Montagabend in Lörrach.

Der Gesprächsbedarf sei nach den tödlichen Schüssen in der Klinik groß. Voraussichtlich am Mittwoch werde die Klinik wieder ihren Operationsbetrieb aufnehmen. Die Stationen hatten ihren Betrieb bereits am Sonntagabend wieder aufgenommen.

In der Nacht zum Dienstag versammelten sich zahlreiche Trauernde in Lörrach vor den Tatorten. Sie zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. Zudem trugen sie sich in ein Kondolenzbuch ein. Unter den Trauernden waren viele Jugendliche. Sie hatten sich über das Internet verabredet und die öffentliche Trauer organisiert. Für die kommenden Tage sind zudem Gedenkgottesdienste geplant.

Die Stadt Lörrach rief inzwischen zu Spenden für die Familie des von der Amokläuferin getöteten Pflegers und der durch die Hausexplosion obdachlos gewordenen Menschen auf.

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