Ärzte Zeitung online, 22.09.2010

Kriminalpsychologe: Blutbad von Lörrach kein Amoklauf

VILLINGEN-SCHWENNINGEN (dpa). Das Blutbad von Lörrach mit vier Toten war nach Einschätzung eines Experten kein echter Amoklauf. Die tödliche Gewalt habe sich in erster Linie gegen Menschen gerichtet, die einen Bezug zur Täterin hatten, sagte der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz am Dienstag.

Kriminalpsychologe: Blutbad von Lörrach kein Amoklauf

Die ausgebrannte Wohnung der Amokläuferin in Lörrach. Die Täterin hatte die Wohnung am Sonntag selbst in Brand gesetzt.

© dpa

Beziehungskrisen seien oft ein Auslöser von Gewalttaten. Sie offenbarten häufig versteckte psychische Probleme, erklärte der Dozent der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen (Südbaden): "Dann merken die Menschen, dass sie weniger Geduld haben, sich hilflos fühlen und sich in Situationen manövrieren, aus denen sie nicht wieder rauskommen."

Die genaue Vorbereitung der Täterin - mit 300 Schuss Munition und Brandbeschleuniger - sei nicht außergewöhnlich. "Fantasien spielen bei allen Menschen, die ausrasten, eine große Rolle", betonte Gallwitz. Oft malten sich die Täter vorher schon mehrfach aus, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren werden.

Eine 41-jährige Anwältin hatte am Sonntag in Lörrach ihren getrenntlebenden Mann, ihren kleinen Sohn und einen Krankenpfleger getötet, bevor sie selbst von der Polizei erschossen wurde. Nach Einschätzung von Gallwitz ist es in dem Fall nicht entscheidend, welchen Beruf die Täterin hatte. In der Regel würden Männer bei Problemen schneller aggressiv, zerstörten etwas oder verletzten jemanden. Frauen dagegen würden ihre Hilflosigkeit eher mit sich selbst ausmachen. "Die Tötung des ehemaligen Intimpartners ist bei Frauen nicht so häufig."

Kinder spielten bei Krisen häufig eine Rolle, erläuterte Gallwitz: "Sie machen vielen Familien die hilflose Situation noch schwerer." Zudem würden sich einige Eltern über ihre Kinder definieren und an ihnen festmachen, wie gut sie dastehen. "Das Kind wird manchmal zum wichtigen Faustpfand." Mit Liebe habe das nichts zu tun. "Eine liebende Mutter würde eher auf ihr Kind verzichten, als es zu verletzen."

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