Ärzte Zeitung online, 27.09.2010

"Kot d'Azur" in Wilhelmshaven - Badespaß in brauner Brühe

Wenn in Wilhelmshaven die Kanalisation bei Regen vollläuft, leitet die Stadt ihre ungeklärten Abwässer in die Bucht - direkt am Badestrand. Ärger macht sich breit, manche sprechen von der "Kot d'Azur" am Jadebusen. Eine Bürgerinitiative will die braune Brühe nun stoppen.

Von Irena Güttel

"Kot d'Azur" in Wilhelmshaven - Badespaß in brauner Brühe

Eine Schild verbietet das Baden am Banter Siel in Wilhelmshaven. Nur wenige Meter vom Strand entfernt spuckt ein Rohr ungeklärte Abwässer in die Bucht.

© dpa

WILHELMSHAVEN. Im Sommer reiht sich am Südstrand von Wilhelmshaven ein Strandkorb an den anderen. Ausflügler flanieren auf der Promenade, Schwimmer planschen in den Fluten. Doch wenn der Bademeister trotz spiegelglatter See die rote Fahne hisst, trübt sich der Badespaß. Nur wenige Meter vom Strand entfernt spuckt ein Rohr braune Brühe in die Bucht - ungeklärte Abwässer, die die überlastete Kanalisation der Stadt nicht mehr fassen kann.

Bei starkem Regen - wie an der Küste nicht unüblich - läuft die Kanalisation rasch voll. Damit Keller und Straßen nicht absaufen, pumpt die Stadt das schmutzige Gemisch in die Nordsee. Alles, was in der Südstadt heruntergespült wird, landet quasi bei Monika Giesche-Emmerich vor der Haustür.

Die Anwohnerin ging früher regelmäßig an dem Strand baden. Doch seit einmal eine Slipeinlage an ihr vorbeitrieb, meidet sie die Stelle. "Ich schwamm mittendrin im Mist", erzählt sie. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb schon spöttisch von der "Kot d'Azur" am Jadebusen.

Szenen, wie sie Touristen in den 90er Jahren am Gardasee und der italienischen Adria erlebten, will Giesche-Emmerich zu Hause nicht länger dulden. Deshalb gründete sie mit einigen Nachbarn die Bürgerinitiative "Kaiserliche Kanalarbeiter", die seither für den Stopp der unappetitlichen Einleitungen kämpft. "Die Stadt hat jahrelang die Augen vor dem Problem verschlossen."

Sprudelt die braune Brühe, herrscht Badeverbot

Ein Problem sieht Umweltdezernent Jens Graul dagegen nicht - weder ein gesundheitliches für die Schwimmer noch für die Natur in der Bucht. "Der Jadebusen gehört zu den Gewässern mit der höchsten Regenerationsfähigkeit. Er ist in der Lage, das zu verkraften." Die Abwässer seien außerdem stark verdünnt. Die Proben, die das Gesundheitsamt alle zwei Woche nahe des Badestrands zieht, ergäben nie eine hohe Bakterienbelastung.

Eine andere Geschichte erzählt dagegen das Badeverbot, das während der Einleitungen gilt. 2007 musste die Stadt den Südstrand sogar nach einem heftigen Platzregen sperren. Daraufhin beschloss der Rat, dass künftig weniger Schmutzwasser ins Meer sprudeln darf.

Eine neue Pumpensteuerung soll bis Ende des Jahres dafür sorgen, dass die Zahl der Einleitungen um die Hälfte sinkt. Außerdem bauten die Entsorgungsbetriebe ein Feinsieb ein. "Die dicken Brocken schwimmen schon lange nicht mehr an den Badenden vorbei", betont Graul.

Giesche-Emmerich reicht das nicht aus. "Das Feinsieb ist eine weitere Vertuschung, weil es den Mist nur zerteilt. Man sieht ihn nicht mehr so deutlich, aber man riecht ihn noch." Sie fordert, dass die Stadt ihr Kanalnetz vollständig erneuert, damit Abwässer und Regen getrennt gesammelt werden können.

Bis Ende August musste Wilhelmshaven 27 Mal die Abwasser-Schleusen öffnen. Sogenannte Mischwassersysteme sind in Deutschland nichts Ungewöhnliches, jedoch scheint die Lage in anderen Orten nicht so dramatisch zu sein wie am Südstrand von Wilhelmshaven.

Andere Kommunen machen vor, wie es sauberer geht

Im nahe gelegenen Varel kommt es zum Beispiel so gut wie nie vor, dass Abwässer im Jadebusen entsorgt werden müssen. "Da müsste schon die Welt untergehen", sagte Lutz Timmermann vom Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband, der in der Gemeinde zuständig ist. In den vergangenen fünf Jahren kann er sich nicht an einen einzigen Fall erinnern.

Große Speicherbecken fangen bei Regen nämlich die Wassermassen in der Kommune auf. Außerdem baut der Verband dort schon seit längerem neue Kanäle. "Mischwassersysteme gelten als veraltet", erläutert Timmermann. Wilhelmshaven will seine Kanalisation dennoch nicht erneuern. Eine Umstellung sei wirtschaftlich nicht darstellbar, heißt es aus dem Rathaus.

Dass die Touristen wegbleiben, fürchtet die Stadt trotz negativer Schlagzeilen nicht. Die Urlauber würden sowieso die weißen Sandstrände ganz oben im Norden bevorzugen, sagen die Touristiker im Ort. (dpa)

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