Ärzte Zeitung online, 30.09.2010

Dopingschock im Radsport: Contador positiv

Jetzt hat es Alberto Contador doch erwischt. Nach jahrelangen Gerüchten wurde der dreifache Toursieger positiv auf Clenbuterol getestet. Der Radprofi will von Doping nichts wissen - er hält verseuchtes Fleisch für eine mögliche Ursache.

Von Andreas Zellmer und Alexander Hofmann

Positive Dopingprobe bei Tour-de-France-Sieger Contador

Radprofi Alberto Contador, hier im Astana-Team, bei der 17. Etappe der Tour de France 2010. Der dreifach Tour-Sieger wurde positiv auf Clenbuterol getestet.

© dpa

GEELONG/MADRID. Nach trügerischer Ruhe hat Superstar Alberto Contador den Radsport zurück in den Dopingsumpf gestürzt: Der spanische Tour-de-France-Sieger ist bei einer Kontrolle während der Frankreich-Rundfahrt 2010 positiv auf die verbotene Substanz Clenbuterol getestet und vom Weltverband UCI vorläufig gesperrt worden.

In einer ersten veröffentlichten Erklärung teilte der 27-Jährige mit, eine Lebensmittelverunreinigung sei die einzige Möglichkeit für das positive Ergebnis. Sollte Contador seinen Tourtitel verlieren, wäre er nach dem US-Amerikaner Floyd Landis 2006 bereits der zweite Tour-Champion, dem der Triumph nachträglich aberkannt wird.

Der iberische Radheld hat seine Saison bereits beendet und präsentierte in seiner Heimat im Madrider Arbeitervorort Pinto seine Verteidigungsstrategie. Verseuchtes Fleisch sei eine mögliche Ursache für das positive Testergebnis.

Andere Teilnehmer der Tour hätten das Fleisch ebenfalls gegessen, seien aber nicht zu einem Dopingtest zitiert worden. Die bei ihm festgestellte Dosis der verbotenen Substanz Clenbuterol sei extrem niedrig gewesen. Daher sei es ausgeschlossen, dass es sich um Doping handele, beteuerte er.

Am 24. August habe er vom positiven Test erfahren, sagte Contador. Die Urinprobe, die zum positiven Resultat führte, wurde am 21. Juli, dem zweiten Ruhetag der diesjährigen Tour de France, entnommen, bestätigte die UCI am Rande der WM im australischen Geelong.

Das Dopinglabor in Köln habe "eine sehr geringe Konzentration" des Clenbuterols, nur 50 Picogramm (0,000 000 000 05 Gramm) pro Milliliter, gefunden.

Die UCI erklärte weiter, der Fall verlange wissenschaftliche Untersuchungen, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden könnten. Diese Untersuchungen würden Zeit brauchen. Laut ARD wusste die UCI seit zwei Monaten von dem Vorfall. Wilhelm Schänzer, Leiter des Kölner Doping-Labors, wollte sich am Donnerstag dazu nicht äußern. Contador droht eine zweijährige Sperre.

Selbst die geringste Clenbuterol-Konzentration würde für Sanktionen ausreichen, stellte unterdessen David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), klar. "Das ist keine Substanz, bei der es einen Grenzwert gibt", sagte Howman. "Clenbuterol wird seit mehr als 20 bis 30 Jahren verwendet. Das ist nichts Neues. Niemand hat jemals gesagt, man kann es unbeabsichtigt zu sich nehmen."

Clenbuterol

Der Wirkstoff Clenbuterol unterstützt den Aufbau von Muskeln. Bei hoher Dosierung verlangsamt diese Substanz die ständigen Muskelabbauprozesse. Bei angepasstem Trainings- und Ernährungsverhalten kann so ein schneller Muskelaufbau erzielt werden.
Clenbuterol gehört zur Substanzklasse der β-2-Agonisten, die gegen Asthma zum Einsatz kommen. Sie erweitern die Bronchien und lassen die Bronchialmuskulatur erschlaffen, um deren Verkrampfung bei einem Asthmaanfall zu lindern. In hohen Dosen können sie die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöhen.
Der bekannteste Clenbuterol-Fall im deutschen Sport ist der von Katrin Krabbe: Die frühere zweifache Sprint-Weltmeisterin war 1992 der Einnahme überführt worden. Für Aufsehen hatte zuletzt die Affäre um Tischtennis-Nationalspieler Dimitrij Ovtcharov gesorgt. Bei einer Doping-Kontrolle war er positiv auf Clenbuterol getestet worden.
Clenbuterol stand in Deutschland zudem mehrmals im Mittelpunkt von Tiermast-Skandalen. So gab es Ende der 90er Jahren einen Fall im Emsland, bei dem ein Bauer seine fast 800 Kälber mit der Substanz mästete. Wird Clenbuterol hoch dosiert zur Mast verabreicht, setzen die Tiere schneller Fleisch und weniger Fett an - in der EU ist das verboten. (dpa)

Der spektakuläre Fall des derzeit erfolgreichsten Profis macht sämtliche UCI-Versuche, mit intensivierten Testmaßnahmen und Millionen-Ausgaben das Skandalimage loszuwerden, mit einem Schlag zunichte.

Nach der vermeintlich dopingfreien Tour 2009, dem Giro 2010 und der Vuelta 2010 ohne Doping-Schlagzeilen hält bereits das aufsehenerregende Ermittlungsverfahren in den USA gegen den siebenmaligen Tour-Sieger Lance Armstrong den Radsport in Atem.

Erst in der vergangenen Woche hatte sogar IOC-Präsident Jacques Rogge den Radsport als einen internationalen Verband gelobt, der "das meiste" im Anti-Doping-Kampf leiste. Wenn man Radsport einfach von Olympia verbanne, betonte der belgische Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), würde man "das Kind mit dem Bade ausschütten". Radsport habe einen festen Platz bei Olympia.

Der Vize-Weltmeister im Zeitfahren, David Millar, der wegen EPO-Dopings selbst zwei Jahre gesperrt war, prophezeite: "Contador hat große Chancen, ein Urteil zu bekommen im Zweifel für den Angeklagten, weil die positive Analyse schwer nachvollziehbar ist." Contador sei im Gelben Trikot jeden Tag getestet worden "und nur einmal positiv. Das ist schwer verständlich", sagte der Schotte.

Ähnlich stellte Contador die Thematik in seinem ersten Kommuniqué dar. Befragte Experten hielten eine Kontamination durch Lebensmittel ebenfalls für ursächlich. Vor allem, wenn man die Häufigkeit von Dopingtests während der Tour in Betracht ziehe. Andere Experten bezweifeln jedoch diese Begründung.

Der spanische Radheld hatte die Tour mit einem Vorsprung von nur 39 Sekunden vor dem Luxemburger Andy Schleck gewonnen. Dabei musste er weltweit viel Kritik einstecken, da er seinem Konkurrenten genau diesen Zeitvorteil mit einer zweifelhaften Attacke während eines technischen Defekts abgenommen hatte.

Im August verließ er das Team Astana und unterschrieb einen Zwei-Jahres-Vertrag beim Saxo Bank-Sun Guard-Team. "Scheiß unglücklich", kommentierte sein neuer Teamchef Bjarne Riis, der selbst zugegeben hatt, bei seinem Toursieg 1996 gedopt gewesen zu sein. Jetzt könnte der Däne 2011 ohne Topfahrer dastehen.

Spätestens als Contadors Name aus der Kunden-Liste des mutmaßlichen Doping-Arztes Fuentes vor vier Jahren auf unerklärliche Weise verschwunden war, fuhr bei dem Kletterspezialisten der Zweifel immer mit. Dopinganschuldigungen hat er bisher stets bestritten. (dpa)

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