Ärzte Zeitung online, 12.11.2010

Robert Koch - Eine Biografie des berühmten Seuchenjägers

NEU-ISENBURG (eb). Eine umfangreiche Biografie des Bakteriologen Robert Koch ist im Spektrum Akademischer Verlag in Heidelberg erschienen. Eine Motivation zum Verfassen dieses Buches sei unter anderen die fast verschwörerisch anmutende Geheimnistuerei um die zweite Frau von Robert Koch gewesen, sagt Professor Johannes W. Grüntzig aus Düsseldorf, einer der beiden Autoren der Biografie.

Robert Koch - Eine Biografie des berühmten Seuchenjägers

© Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg

Dr. Ulrich Moltmann: Herr Professor Grüntzig, am 27. Mai 2010 jährte sich der 100. Todestag von Robert Koch. Zu diesem Anlass haben Sie bei Spektrum Akademischer Verlag eine umfangreiche Biografie herausgebracht, die die F.A.Z. bereits als "Standardwerk" bezeichnet. Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Professor Johannes Grüntzig: Robert Koch gilt als Begründer der modernen Bakteriologie und Klinischen Infektiologie. Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Institute und Preise tragen seinen Namen. Auch heute noch fasziniert, wie er unter lebensbedrohlichen Umständen in unwirtlichen Gegenden nach dem Ursprung der Epidemien suchte und Todgeweihte rettete. Waren diese Expeditionen eine Flucht aus Berlin nach dem Misserfolg des von ihm entwickelten Präparats "Tuberkulin", wie jüngere Autoren behaupten?

Eine andere Motivation zum Verfassen dieses Buches war die fast verschwörerisch anmutende Geheimnistuerei um die zweite Frau von Robert Koch. Warum reduzierte die Geschichtsschreibung das Liebesverhältnis der beiden auf eine "Affäre mit einer 17-jährigen Bühnendame"? Aus der Entdeckung der Nachlassakte von Hedwig Koch-Freiberg im Sauerland und Teilen ihres Lebensberichtes, aber auch nach Gespräche mit Zeitzeugen, ergab sich fast zwangsläufig die Aufgabe, die Biografie Robert Kochs neu zu schreiben.

Moltmann: Deshalb zeigt das Cover neben Robert Koch auch das Porträt seiner attraktiven zweiten Frau. Worin bestand ihre Stärke? Was waren ihre Verdienste?

Grüntzig: Kaum bekannt ist, dass sie ihren Körper für Tuberkulose-Experimente opferte. Ihre Teilnahme an den strapaziösen Expeditionen in Afrika, Indien und Neuguinea fanden bisher ebenfalls keine Würdigung. Trotz aller Anfeindungen nach dem Tode Robert Kochs kämpfte sie um sein Andenken und rettete die Nobelpreismedaille über den Zusammenbruch des Naziregimes hinweg. Sie war eine "starke Frau", die Robert Koch inspirierte, förderte und im Ausland erfolgreich repräsentierte.

Moltmann: Obwohl Sie die historische Realität beschreiben, lesen sich manche Kapitel wie ein Abenteuerroman. Von welchen Themen werden Ihre Leser am meisten fasziniert sein?

Grüntzig: Dazu gehört unter anderem, wie sich Koch und seine Begleiter in Fußmärschen durch die Seuchengebiete Afrikas quälen, oder wie ein als "Reifenterminator" bekannt gewordener Schutztruppen-Offizier den Kontinent erstmalig mit dem Auto durchquert sowie der Wettlauf um die Entdeckung des Pesterregers und Attacken mit verseuchten Briefen. Auch Kannibalismus, der "lachende Tod" und nächtliche Sektionen in Bambushütten Neuguineas dürften den Leser in ihren Bann ziehen.

Moltmann: Was macht das Buch trotz seines großen Umfanges so leicht lesbar?

Grüntzig: Zunächst das ausgezeichnete Layout, das den Leser, die Leserin gleichsam von Seite zu Seite treibt - ständig in der Erwartung, weiter in unbekannte Welten vorzustoßen. Die übersichtliche Gliederung und auch der für Laien verständliche Stil dienen demselben Ziel. Meine Absicht war, auch die Allgemeinbildung des Lesers zu erweitern, denn das Buch enthält Wissen aus Geschichte, Medizin, Naturwissenschaften und Geografie. Am Ende einiger Kapitel sind in Boxen Zusatzinformationen in lexikalischer Form über Krankheiten und Erreger beigefügt.

Moltmann: Wird Sie die Thematik des Buches weiterhin beschäftigen?

Grüntzig: Am 17. Oktober bestritten mein Ko-Autor, der Parasitologe Heinz Mehlhorn, und ich dazu eine Veranstaltung auf dem Göttinger Literaturherbst. Im Dezember sind wir in eine ähnliche Veranstaltung des Oberharzer Bergwerksmuseums eingebunden. Ein Kongress mit Ausstellung ist dort für Anfang 2011 geplant. Zukunftsmusik wäre ein Robert-Koch-Museum, wie es bereits in Polen existiert.

Das Gespräch führte Lektor Dr. Ulrich G. Moltmann, Spektrum Akademischer Verlag, Springer Heidelberg

Johannes W. Grüntzig, Heinz Mehlhorn: Robert Koch - Seuchenjäger und Nobelpreisträger.
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010.
976 Seiten, 500 Abbildungen, 99,95 Euro, ISBN 978-3-8274-2710-6

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