Ärzte Zeitung online, 12.11.2010

Immer mehr Frühgeburten in Deutschland

MÜNCHEN (dpa). In Deutschland kommen immer mehr "Frühchen" zur Welt. Dies hänge auch mit dem steigenden Alter der Schwangeren zusammen, sagte der Mediziner Professor Andreas Schulze am Freitag in München. Aber auch Mehrlingsschwangerschaften nach künstlichen Befruchtungen spielten eine Rolle.

Bundesweit werden laut Schulze jährlich 60 000 bis 63 000 "Frühchen" geboren. Das seien rund 9 Prozent aller Babys. Am 17. November ist der 2. Internationale Tag des Frühgeborenen.

Die Rate der Frühgeborenen habe sich in Deutschland von 7 Prozent 1997 auf rund 9 Prozent im vergangenen Jahr erhöht, sagte Geschäftsführerin Silke Mader von der Stiftung "European Foundation for the Care of Newborn Infants"(EFCNI). Diese Stiftung setzt sich für eine bessere medizinische Versorgung der Neugeborenen ein.

Die große Mehrzahl der Frühgeborenen werde medizinisch hervorragend betreut und sei klinisch nicht krank, betonte Schulze, der am Klinikum München-Großhadern die Abteilung für Neonatologie und Neugeborenen-Intensivtherapie leitet. Problematisch seien jedoch die Hochrisiko-Frühgeburten, die 1 Prozent aller Geburten ausmachten.

Darunter versteht man Babys, die mit einem Gewicht von weniger als 1250 Gramm und mehr als 10 Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin auf die Welt kommen. Normalerweise beträgt das Geburtsgewicht 3200 bis 3500 Gramm und dauert die Schwangerschaft 40 Wochen.

Bei Geburten zwischen der 24. und 26. vollendeten Schwangerschaftswoche beträgt die Überlebenswahrscheinlichkeit inzwischen rund 80 Prozent, wie Schulze berichtete. Bei 30 Prozent dieser Kinder gebe es aber langfristige gesundheitliche Probleme, rund 10 Prozent seien schwer behindert. In den USA überlebte nach EFCNI-Angaben 2006 ein Kind, das in der 22. Schwangerschaftswoche mit nur 280 Gramm zur Welt kam und lediglich 24 Zentimeter groß war.

Die medizinische Versorgung der extrem frühen Geburten müsse verbessert werden, sagte Schulze. Sie sollte stärker in hochspezialisierten Kliniken zusammengefasst werden. Schweden, Australien und Neuseeland hätten dies in hervorragender Weise vorgemacht.

Mader betonte, die "Frühchen" seien die größte Kinderpatientengruppe. Deshalb sei es unverständlich, dass die Forschung in diesem Bereich im Vergleich etwa zur Krebsforschung noch immer in den Kinderschuhen stecke. Die oftmals traumatisierten Eltern von "Frühchen" müssten künftig besser psychosozial betreut werden.

Für Frühgeburten gibt es nach Angaben der Stiftung vielfältige Ursachen. In jedem zweiten Fall sei eine Scheideninfektion verantwortlich. Aber auch Rauchen, falsche Ernährung und Stress gehörten zu den Ursachen.

European Foundation for the Care of Newborn Infants (englisch)

Bundesverband "Das Frühgeborene Kind"

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Kindern

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