Ärzte Zeitung online, 07.01.2011

Sexueller Missbrauch: Aus Opfern werden oft Täter

Männer, die als Kind sexuell missbraucht wurden, laufen Gefahr, selbst Sexualdelikte zu verursachen. Vor allem der Missbrauch in der Familie macht aus Opfern nicht selten Täter.

Von Simone Reisdorf

Sexueller Missbrauch: Aus Opfern werden oft Täter

Das Kuscheltier verstoßen: Missbrauch an jungen Buben hinterlässt bei ihnen dauerhaft Spuren.

© DanielEnde / fotolia.com

BERLIN. Befragungen in der Bevölkerung und von Sexualstraftätern legen nahe, dass 4 bis 12 Prozent der als Kind missbrauchten Männer später selbst Sexualstraftaten begehen und umgekehrt 12 bis 35 Prozent der Sexualstraftäter als Kinder selbst sexuell missbraucht wurden.

Darauf hat Dr. Manuela Dudeck, Fachärztin mit Schwerpunkt Forensische Psychiatrie, aus Greifswald hingewiesen."Einen einfachen kausalen Zusammenhang gibt es aber nicht", so Dudeck. Jedoch könnten traumatische Kindheitserfahrungen für spätere Straftaten durchaus von Bedeutung sein: Oft komme es zu pathologischen Abwehrformen wie Ärger, Groll und Rachegefühl.

Dissoziation in der Trauma-Phase kann dann zu massiven Wahrnehmungsverzerrungen führen. Diese wiederum könnten in Aggression und Delinquenz münden.

Inzestuöser Missbrauch belastet am stärksten

In einer multinationalen Studie, an der Dudeck teilgenommen hatte, wurden 1.055 Langzeitgefangene (mit Haftstrafen meist ab fünf Jahre) in elf europäischen Ländern nach traumatischen Kindheitserlebnissen und ihrer aktuellen psychischen Befindlichkeit befragt.

Daraus lässt sich berechnen, dass die Wahrscheinlichkeit, Sexualstraftaten zu begehen, viereinhalbfach erhöht ist, wenn die Täter selbst inzestuösem Missbrauch ausgesetzt waren. Bei Missbrauch durch Fremde ist dieses Risiko deutlich geringer erhöht (um das Anderthalbfache), und bei nicht-sexueller Gewalt in der Familie ist es fast gar nicht erhöht.

Dudeck folgerte: "Früher sexueller Missbrauch ist ein Risikofaktor, der mehr Beachtung finden sollte in Prävention, Diagnostik und Therapie. Dabei ist der inzestuöse Missbrauch wohl problematischer als andere Formen. Die Erhebung einer Biografie lohnt immer."

Privatdozent Peer Briken hatte ein anderes, eher psychodynamisches Erklärungsmodell für die spätere Tä-terschaft einiger missbrauchter Männer: "Sie identifizieren sich mit dem Aggressor. Durch spätere Sexualisie-rung ihrer Beziehungen verwandeln sie Ohnmacht in Macht und gewinnen die Kontrolle zurück." Diese Beziehungen gingen sie meist mit Kindern ein, weil sie den Kontakt mit Erwachsenen aus geringem Selbstwertgefühl heraus meiden.

Täter sprechen nur selten über eigene Opfer-Erlebnisse

Der Arzt für Forensische Psychiatrie aus Hamburg-Eppendorf gab jedoch zu bedenken, dass eine detaillierte Biografie zwar wichtig ist, ein früherer Missbrauch von Sexualstraftäter lasse sich jedoch nicht einfach eruieren ist, da die Täter auch auf Nachfrage selten über eigene Opfer-Erlebnisse sprechen.

Ursache dafür könnten Scham- und Schuldgefühle, psychodynamische Abwehrmechanismen oder eine verzerrte Wahrnehmung eigener Erlebnisse und begangener Straftaten sein. Als Beispiele solcher kognitiver Verzerrungen nannte er Äußerungen der Straftäter in Gruppengesprächen wie

• "Mir hat das damals auch nicht geschadet" (über den selbst erlebten sexuellen Missbrauch),

• "Sie war sexuell sehr erfahren" (über eine 13-Jährige) oder

• "Ich hätte aufgehört, wenn sie nein gesagt hätte."

"Falsch wäre es, Opfer-Erfahrungen der Straftäter zu ignorieren oder bagatellisieren", so Briken: "Damit können wir ihre kognitiven Verzerrungen verstärken." Andererseits sollten die eigenen Opfer-Erlebnisse der Straftäter keinen zu breiten Raum zu Therapiebeginn einnehmen, weil sonst die Gefahr bestehe, dass diese ihre Täterschaft rationalisieren und verleugnen.

"Der Therapeut muss die Opfererfahrung des Täters anerkennen, die Täterschaft aber problematisieren", so Briken. Beides müsse immer wieder sowohl unabhängig als auch abhängig von-einander betrachtet werden. "Der Täter muss sich als aktiv Handelnder begreifen", betonte der Psychiater.

In Brikens Behandlungsmanual ist eine detaillierte Biografie einer der ersten Schritte. Weiter nannte er eine kognitive Umstrukturierung, Modelling, positive Verstärkung und die Stärkung sozialer Kompetenzen, aber auch eine medikamentöse Therapie.

Hierbei werden vor allem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verwendet, weil diese als Nebenwirkung die Libido reduzieren, sowie das Antiandrogen Cyproteron als Gegenspieler von Testosteron.

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