Ärzte Zeitung online, 28.12.2010

Möglicher Quecksilber-Anschlag auf russische Dissidenten in Berlin

BERLIN (dpa). Ein seit kurzem in Deutschland lebendes russisches Dissidenten-Ehepaar ist möglicherweise Opfer eines Quecksilber-Anschlags geworden. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Fall.

"Etwas Greifbares über die Vermutung der mit Quecksilber Vergifteten hinaus gibt es nach meinem Kenntnisstand bislang nicht", sagte die Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft, Silke Becker, am Montag. Der Fall erinnert an die tödliche Vergiftung des früheren russischen Geheimdienstlers Alexander Litwinenko in London Ende 2006.

Einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" zufolge hatten Ärzte der Charité Anfang November sehr hohe Quecksilberwerte im Blut des Ehepaares nachgewiesen. Weil sie hinter den Werten einen gezielten Gift-Anschlag vermuteten, hatten die Dissidenten daraufhin die Polizei verständigt. Am 17. Dezember leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzungen durch Vergiftung ein. Bislang ist nicht bekannt, wie das Ehepaar mit dem Gift in Kontakt gekommen sein könnte.

Die Ermittlungen werden in einem Fachreferat für Straftaten mit politischem Hintergrund geführt. Wie der "Focus" berichtete, gelten die russischen Journalisten seit Jahren als scharfe Kritiker der Moskauer Regierung. Der Zeitung "Tagesspiegel" zufolge hatte das Paar unter anderem über die aggressive Tschetschenien-Politik des Kremls geschrieben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hält sich das Ehepaar seit September dieses Jahres in Berlin auf. Vor der Untersuchung in der Charité habe es bereits andere Kliniken aufgesucht.

Mitte Dezember hatte die Sprecherin der Berliner Charité, Stefanie Winde, der Nachrichtenagentur dpa auf Anfrage mitgeteilt, dass die Klinik keine Vermutungen über die Ursache der Vergiftung habe. "Wir können nur sagen: Es gibt erhöhte Quecksilberwerte." Dem "Focus" zufolge waren bei dem 58-jährigen Mann 53,7 Mikrogramm und bei der 52-jährigen Frau 56 Mikrogramm des giftigen Schwermetalls auf einen Liter Blut festgestellt worden. Bei einer Quecksilber-Vergiftung kann es unter anderem zu Nierenschäden, Sprach- und Sensibilitätsstörungen kommen.

Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) verfasst umweltmedizinische Leitlinien, die Ärzten bei der Erkennung und Behandlung von Quecksilber-Vergifteten helfen soll. DGAUM-Vorstandsmitglied Thomas Kraus bestätigte, dass die Werte bei dem russischen Paar sehr hoch seien. Es könne jedoch nicht unmittelbar geschlussfolgert werden, ob die erhöhte Quecksilber-Konzentration im Blut durch einen Unfall oder eine gezielte Vergiftung entstanden sei. "Dem Wert an sich sieht man eine Ursache nie an."

Der frühere Geheimdienstler und spätere Regierungskritiker Litwinenko war vor vier Jahren mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 vergiftet worden. Auf dem Sterbebett hatte Litwinenko den damaligen Präsidenten Wladimir Putin als Hintermann des Anschlags beschuldigt. Putin bestritt dies. Der Mordfall ist bis heute nicht aufgeklärt.

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