Ärzte Zeitung online, 10.01.2011

Dioxin-Skandal: Krisentreffen in Berlin

Krisentreffen in Berlin: Politiker und Landwirtschaftsbranche beraten über Konsequenzen aus dem Dioxin-Skandal. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält unterdessen Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln für die wahrscheinliche Ursache - das Agrarministerium hält das für reine Spekulation.

Dioxin-Skandal: Krisentreffen in Berlin

Verbraucherschutzministerin Aigner: Mit Vertretern aus der Lebensmittelbranche will sie mögliche Konsequenzen besprechen.

© dpa

BERLIN (dpa). Spitzentreffen zum Dioxin-Skandal: Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) ist am Montag mit Vertretern der Branche zu einem Krisengespräch in Berlin zusammengekommen. Dabei soll es um Konsequenzen aus dem Vorfall gehen.

Einen Bericht der Organisation Foodwatch, in Deutschland verbotene Pflanzenschutzmittelsubstanzen seien höchstwahrscheinlich für die Dioxinbelastungen in Futtermitteln verantwortlich, bezeichnete das Ministerium als reine Spekulation.

Foodwatch hatte am Montag erklärte, dies ergebe sich "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aus dem Muster einer Futterfett-Probe, die von dem Partnerunternehmen des im Fokus der Ermittlungen stehenden Betriebs Harles und Jentzsch stammt. Der Sprecher Aigners sagte, wichtig seien die amtlichen Erkenntnisse. "Die Untersuchungen hierzu sind noch nicht abgeschlossen".

1635 Betriebe sind nach Ministeriumsangaben noch gesperrt. Generelle Entwarnung werde es erst geben, wenn der Fall aufgeklärt sei. Auf die Frage, ob er es für möglich halte, dass ein Pilzgift, wie es in Südamerika und Asien im Sojaanbau verwendet wird, für das Dioxin verantwortlich sein könnte, wollte sich Aigners Sprecher Holger Eichele nicht äußern. "Ich bin kein Chemiker, ich bin kein Biologe, ich bin ausgebildeter Journalist", so Eichele.

Foodwatch hatte erklärt, die Analyse der Dioxin- und Furanverbindungen in der Probe weise auf Rückstände einer Pentachlorphenol-Verbindung hin, wie sie als Pilzgift eingesetzt werde.

In Deutschland darf Pentachlorphenol seit 1986 nicht mehr produziert und seit 1989 nicht mehr gehandelt und angewendet werden. Nach Angaben von Foodwatch wird es aber in Südamerika und Asien zum Beispiel als Pilzgift im Sojaanbau verwendet.

Die analysierte Futterfett-Probe sei mit 123 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm belastet gewesen, teilte die Organisation weiter mit. Der gesetzliche Höchstwert von 0,75 Nanogramm pro Kilo wäre damit um das 164-fache überschritten worden. Bisher überschritt die am stärksten kontaminierte Probe den Grenzwert um knapp das 78-fache.

Aigner hatte zuletzt den Druck auf Futtermittelhersteller erhöht, deren Spitzenvertreter auch bei dem Treffen in Berlin dabei sind. Die konkreteste Forderung der CSU-Politikerin ist bisher, künftig die Herstellung von technischen Fetten etwa für die Papierverarbeitung und von Futterfetten auf dem gleichen Gelände zu untersagen.

Zu Forderungen nach einem Hilfsfonds für betroffene Bauern und einer verpflichtenden Dioxin-Kontrolle für Futtermittelhersteller bei jeder Charge einer Zutat äußerte sich Aigner bisher zurückhaltend.

Aigners Sprecher sagte am Montag der Nachrichtenagentur dpa, Hersteller müssten ihre Rohstoffe schon heute grundsätzlich auf unerwünschte oder schädigende Stoffe prüfen.

Im Deutschlandfunk sagte die Ministerin am Morgen, sie erwarte von der Futtermittelindustrie konkrete Vorschläge, damit Dioxin-Skandale künftig verhindert werden können.

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