Ärzte Zeitung, 18.01.2011

Auf der Suche nach dem "Fortschrittsindikator"

BERLIN (dpa). Aufschwung, Krise, Rezession: Der Bundestag lässt jetzt Experten nach Alternativen zum klassischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) suchen. In Zukunft sollen Wohlstand, Fortschritt, Bildung und Umwelteinflüsse in Deutschland besser erfasst werden können.

Anfang der Woche nahm die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Parlaments ihre Arbeit auf. In zweieinhalb Jahren wollen 17 Politiker und 17 Wissenschaftler unter Vorsitz der SPD-Politikerin Daniela Kolbe einen neuen "Fortschrittsindikator" definieren.

"Dieser Indikator soll Richtschnur für die Politik werden, um eben zu zeigen, wo steht unsere Gesellschaft, geht es den Menschen besser oder schlechter", sagte Kolbe in Berlin.

Fachleute sind sich einig, dass das BIP alleine wenig über den Wohlstand eines Landes aussagt. So können Umweltkatastrophen paradoxerweise zu einem BIP-Plus führen.

Die Explosion der Ölplattform im Golf von Mexiko löste zwar Milliardenschäden aus - doch die enormen Summen zur Bekämpfung der Ölpest erhöhten als Investitionen rein statistisch gesehen das BIP der USA. Auch eine medizinische Behandlung von Unfallopfern steigert das BIP.

Der Bundestag hatte im Dezember die Einsetzung der Kommission beschlossen. "Ziel ist die Entwicklung eines neuen Fortschrittsindikators, der sich zwar weiterhin auch auf das BIP als Messgröße stützt, diese Kategorien jedoch modifiziert und durch neue Kriterien ergänzt."

Als Vorbild gilt die Arbeit des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz, der 2009 im Auftrag von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy eine Analyse zu BIP-Alternativen vorgelegt hatte.

Eine erfolgreiche oder gescheiterte Wirtschaftspolitik wird seit Jahrzehnten rein ökonomisch am Bruttoinlandsprodukt (BIP) festgemacht. Das BIP umfasst den jährlichen Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen in Deutschland.

Im Krisenjahr 2009 war die Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent eingebrochen. 2010 erhöhte sich das BIP wieder um 3,6 Prozent auf knapp 2500 Milliarden Euro. Zum Ritual in Politik, Wirtschaft und Medien gehören BIP-Prognosen von Regierung und Forschungsinstituten, die oft aber weit an der tatsächlichen Entwicklung vorbeigehen.

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