Ärzte Zeitung online, 24.01.2011

Kein Gift für US-Todesspritzen: Deutschland sagt Nein

Den USA geht eine wichtige Arznei für die Giftspritze aus. Denn der einzige Hersteller hat entschieden, den Stoff nicht länger zu verkaufen. Das Land braucht Nachschub, wenn nötig aus dem Ausland. Deutschland wird nicht aushelfen: Regierung, Ärzteschaft und Industrie sagen schon jetzt geschlossen Nein.

Todesstrafe: Den USA gehen die Giftspritzen aus

Todeszelle in den USA: Viele Hinrichtungen mit der Giftspritze müssen demnächst wohl verschoben werden.

© dpa

FRANKFURT/MAIN (nös). 46 zum Tode verurteilte Menschen wurden allein im vergangenen Jahr in den USA hingerichtet - vorwiegend mit der letalen Injektion, der Giftspritze.

Doch damit könnte in den kommenden Monaten zunächst Schluss sein, denn dem Land geht eines der drei essenziellen Präparate für die tödliche Spritze aus - Thiopental-Natrium.

Der Grund: Nur ein einziger Hersteller produziert das Barbiturat, das mit einem niedrigen Stellenwert auch als Anästhetikum im klinischen Bereich eingesetzt wird.

Doch Hospira, der im US-Bundesstaat Illinois ansässige Arzneihersteller, hat sowohl die Produktion als auch den Vertrieb seines Mittels Pentothal® eingestellt.

Der Rückzug begann schleichend. Im Herbst des vergangenen Jahres meldete das Unternehmen einen Lieferengpass an die Zulassungsbehörde FDA. Das Unternehmen hatte Schwierigkeiten, einen wichtigen Grundstoff für die Synthese des Stoffs zu erhalten.

Hospira versprach zunächst, die Lieferung wieder im ersten Quartal 2011 gewährleisten zu können. Man wolle dafür noch im Dezember von der Fabrik im US-Bundesstaat North Carolina auf eine neue Anlage im italienischen Liscate bei Mailand ausweichen, hieß es damals.

Aus den Plänen wurde nichts, denn die Behörden am Mittelmeer wussten, wofür das Hospira-Präparat in den USA verwendet wird. Sie verlangten dem Unternehmen eine Erklärung ab, dass das Produkt nicht als Giftspritze zum Einsatz kommt.

Diese Garantie konnte und wollte Hospira nicht geben. In der offiziellen Stellungnahme vom vergangenen Freitag hieß es: "Wir können nicht verhindern, dass das Arzneimittel letztlich doch für Hinrichtungen verwendet wird."

In Zeitungsinterviews hört sich das schon etwas anders an. So sagte die Unternehmenssprecherin Tareta Adams etwa in der "New York Times" mit Blick auf die Giftspritze: "Für diesen Zweck haben wir das Mittel nicht hergestellt."

Und an diesem speziellen Einsatzzweck scheint man bei Hospira schon länger zu zweifeln. So hieß es schon in einem Schreiben vom März vergangenen Jahres an die Strafvollzugsbehörde von Ohio, man sei sich über den Einsatzzweck im Klaren.

Und weiter: "Hospira stellt diese Arzneien her, um Leben zu retten, und nur aus diesem einzigen Grund bringen wir sie auf den Markt", gab der Forschungschef Dr. Kees Gioenhout der Behörde zu verstehen. "Kurzum, wir werden den Einsatz der Mittel zur Hinrichtung nicht unterstützen."

Unangenehm war für das Unternehmen offenbar auch die Tatsache, dass es alle drei für die Giftspritze verwendeten Arzneien herstellt. Nach der Erstinjektion des Barbiturats Thiopental-Natrium folgt das Muskelrelaxans Pancuronium. Den herben Schlussstrich setzt schließlich das Elektrolyt Kaliumchlorid, das durch Depolarisation zum Herzversagen führt.

Nun hat sich der einzige Thiopental-Hersteller zurückgezogen und die USA suchen nach Ersatz. Zwei Bundesstaaten sind bereits auf das Barbiturat Pentobarbital umgestiegen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren dieses Vorgehen, da keine Studien zur Wirkungsweise bei Hinrichtungen vorlägen.

Die übrigen 33 Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe vollstreckt wird, suchen offenbar auch im Ausland um Hilfe. Das Problem: Die meisten Staaten können nicht ohne weiteres auf andere Arzneimittel umschwenken. Zu viele rechtliche Hürden stünden dem im Weg. Die Staatsregierungen befürchten Rechtsstreite um die Zulässigkeit neuer Verfahren.

In Arizona, Kalifornien, Kentucky und Oklahoma kam es bereits zu Verschiebungen von angesetzten Hinrichtungen. Die ersten beiden Staaten sowie Arkansas und Tennessee kamen dabei auf die Idee, die "internationale Apotheke" anrzurufen. Sie bestellten Thiopental-Natrium in Großbritannien.

Kalifornien hat rund ein halbes Kilogramm von dem Pulver bei einem Lieferanten in Großbritannien bestellt. Doch daraus wurde nichts, die Bestellung wurde zurückgewiesen. Der Grund war die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve.

Sie bekam Wind von dem Deal uns setzte Ende vergangenen Jahres alle Hebel in Bewegung, die Lieferungen zu stoppen. Schreiben an Abgeordnete folgten, schließlich kam es sogar zu einer Anhörung vor dem obersten Gerichtshof, dem High Court of Justice.

Die britische Regierung sah sich letztlich gezwungen, das Geschäft zu unterbinden.

Nun sehen sich offenbar auch andere Staaten mit ähnlichen Anfragen konfrontiert. Vorsorglich hat Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) an die deutsche Pharmaindustrie appelliert, sie mögen eventuellen Bestellung aus den USA bitte nicht nachkommen.

Anordnen kann er einen Exportstopp für bestimmte Arzneimittel nur schwer. Aber er kann an moralische Grundwerte appellieren - und an die Grundsätze der europäischen Menschenrechtskonvention, die eben auch für Deutschland gilt. Die Konvention hat immerhin ein sechstes Zusatzprotokoll, das die Abschaffung der Todesstrafe fordert. Deutschland hat es 1989 ratifiziert.

Mit diesem Argument wirbt Rösler denn auch bei den Firmen: Er weise die Unternehmen "auf die mögliche Nutzung zur missbräuchlichen Verwendung" hin und bitte sie "im Hinblick auf die Grundsatzentscheidung des Grundgesetzes und Europäischer Gremien gegen die Todesstrafe (…), dass solchen Lieferungsersuchen nicht entsprochen wird."

Industrieverbände haben noch am Wochenende reagiert und die Bitte an ihre Mitgliedsfirmen weitergeleitet. Aus dem Großhandelsverband PHAGRO hieß es spontan: "Selbstverständlich werden dieser Bitte des Ministers entsprechen."

Auch der Frankfurter Pharmagroßhändler Anzag schließt sich dieser Haltung an. Man werde ausschließlich Apotheken in Deutschland beliefern, hieß es. Und dort würden die Arzneimittel nur gegen deutsche Rezepte abgegeben.

Die deutsche Ärzteschaft schloss sich Röslers Bitte an. Man fordere die Industrie auf, Arzneimittel, die Thiopental-Natrium enthalten, nicht an die USA zu liefern, so BÄK-Vize Dr. Frank Ulrich Montgomery am Montag in einer Mitteilung.

"Wir appellieren an die Pharmaindustrie, ethisches Gewissen zu zeigen und die Hinrichtungen in den USA zu boykottieren", sagte Montgomery, der auch Menschenrechtsbeauftragter der BÄK ist.

In Deutschland wird Thiopental-Natrium von drei Herstellern als Pulver zur Herstellung von Injektionslösungen angeboten. Der Konstanzer Hersteller Nycomed (Trapanal®) schloss sich dem Boykott an.

"Wir haben bislang kein Thiopental in die USA geliefert und würden entsprechende zukünftige Anfragen ablehnend beantworten", hieß es. Man unterstütze den Appell des Gesundheitsministers und komme seiner Bitte nach.

Die beiden anderen Hersteller, Inresa aus Freiburg und Rotexmedica aus dem schleswig-holsteinischen Trittau, waren zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Zugelassen ist das Barbiturat hierzulande für die Kurznarkose oder die Einleitung einer Allgemeinanästhesie. In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologe und Intensivmedizin hat es nur noch einen geringen Stellenwert.

Dort wird es lediglich zur Bolusgabe bei der Narkose oder zur Therapie von "anderweitig nicht zu beherrschenden erhöhten intrakraniellen Drucks oder des therapierefraktären Status epilepticus" empfohlen.

Und auch dann macht immer noch die Dosis das Gift: Während zur Narkose zwischen 5 und 7 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht verwendet werden, kommt bei der "letalen Injektion" die zehnfache Menge zum Einsatz.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Ein Erklärbuch für Kinder

Dagmar Eiken-Lüchau hat eine Tochter mit Autismus-Störung. Um anderen Kindern das Thema zu erklären, hat die Mutter ein Buch geschrieben. mehr »