Ärzte Zeitung, 10.02.2011

Wehe, wenn das Silikonbaby röchelt: Training für künftige Ärzte

Was tun im Notfall? Mit Puppen und Armen, aus denen Kunstblut spritzt, will die Uniklinik Leipzig mehr Praxisnähe in die Medizinerausbildung bringen.

Von Thomas Trappe

Wehe, wenn das Silikonbaby röchelt - Training für künftige Ärzte

Das Silikonkind wird von Lernklinik-Leiterin Dr. Daisy Rotzoll beatmet.

© Trappe

LEIPZIG. Die medizinische Fakultät der Universität Leipzig setzt bei der Ausbildung ihrer Human- und Zahnmediziner auf Simulatoren. Mit Hilfe von "Ganzkörperpuppen" sollen unter möglichst realistischen Bedingungen medizinische Behandlungen trainiert werden.

Die Puppen reagieren auf äußere Reize, zum Beispiel können Herz- und Lungengeräusche simuliert werden. Die Lernklinik, die jetzt in Betrieb genommen wurde, erstreckt sich über 14 Stationen auf 350 Quadratmetern.

Ungefähr zwei Drittel aller deutschen Medizinfakultäten haben inzwischen ein solches "Skillslab" eingerichtet, jenes in Leipzig gehöre aber nach Uni-Angaben "in Größe und Vielseitigkeit des fachlichen Angebots zur Spitze."

Dr. Daisy Rotzoll ist Leiterin der Lernklinik. Für sie ist die Investition in die Lernklinik ein Glücksfall. Im Vergleich zu früher, erklärte sie im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", verbessern sich die Ausbildungsbedingungen massiv - sowohl die Studenten als auch die Patienten würden davon profitieren.

 "Früher mussten die angehenden Mediziner erste praktische Erfahrungen immer am Patienten sammeln", sagt sie. Die Vermittlung ärztlicher-praktischer Fähigkeiten funktioniere jetzt wesentlich schneller. Nicht unwichtig bei stetig steigenden Studentenzahlen und enger werdenden Stundenplänen.

Nicht alle Stationen sind mit kompletten Puppen versehen. So ist in einem Raum nur ein Kunstarm zu finden, an dem Studenten Injektionen üben können. Kleinste Fehler werden zum Beispiel deutlich durch aus der Puppe dringendes Kunstblut.

 Eine Station weiter ist ein Silikonbaby zu finden. Tausend Euro habe diese Basisversion des Simulators gekostet, sagt Leiterin Rotzoll, bis zu 40 000 Euro könnte für die Vollausstattung ausgegeben werden. Die Grundvariante der Puppe reagiert unter anderen auf Beatmung und Herzdruckmassage.

Läuft etwas falsch, fängt der Simulator an zu röcheln und läuft unter Umständen blau an. Die mit Elektronik und Ballons gefüllten Silikonpuppen kommen zur Hälfte aus Japan. "Die Japaner haben in der Nachahmung eine ausgeprägte Tradition und ihre Simulatoren sind unübertroffen", so Daisy Rotzoll.

Im Gegensatz zu anderen Kliniken hat sich die Leipziger Fakultät gegen eine Spezialisierung bei der Lernklinik und den Simulatoren entschieden, eine möglichst breite Anwendung soll möglich sein. "Von Hygiene und Gipsen über gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen bis hin zum chirurgischen Nähen - die Bandbreite umfasst alle Fähigkeiten der Grundausbildung zum Arzt", wurde erklärt.

Dabei geht es nicht nur um die Tätigkeit der Studenten an der Puppe, stellt Daisy Rotzoll klar. So müssen Studenten bei den Prüfungen vor allem Aktionen der Puppe interpretieren und einordnen.

Bei der Babypuppe sei am wesentlichsten, welche Fragen die Studenten vorher stellen und welche nicht. Außerdem werden in der Lernklinik Patientengespräche simuliert, freilich nicht mit Puppen. Das Gespräch wird gefilmt und anschließend von Dozenten ausgewertet.

250 000 Euro wurden für die Lernklinik ausgegeben, vier Fünftel davon stammen aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung, den Rest zahlte die Uni. Relativ hoch seien die laufenden Kosten, erklärt die Leiterin. Zumal geplant ist, die Lernklinik im kommenden Sommersemester zu öffnen, sie also auch außerhalb von Seminaren Medizinstudenten zur Verfügung zu stellen.

Nicht nur die Ausstattung, auch ein anderer Aspekt lasse die Leipziger Klinik im bundesweiten Vergleich herausstechen, meint Studiendekan Professor Christoph Baerwald. "Die Leipziger Besonderheit ist, dass Ärzte sie führen und mit ihrem Praxiswissen bereichern. Nicht in einer angespannten Situation auf Station, sondern in einem Freiraum, damit die Studierenden alle nötige Routine für den Ernstfall entwickeln können."

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