Ärzte Zeitung, 25.03.2011

Geschlechtsspezifisch schreiben und reden - cui bono?

Über die Gleichbehandlung der Geschlechter kann es keine Diskussion geben. Eine überzogene geschlechtsspezifische Wortwahl hingegen ist blanker Unsinn.

Von Fritz Beske

Geschlechtsspezifisch schreiben und reden - cui bono?

Ärztinnen und Ärzte auf gleicher Augenhöhe - unbedingt! Unterschiedliche Geschlechtsbezeichnungen beim Schreiben - nein Danke!

© Edhar / fotolia.com

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über - so steht es in der Bibel. Oft ist es ein besonderer Anlass, der diese Reaktion hervorruft. In meinem Fall war es eine gesundheitspolitische Abhandlung, die ich wegen ihrer Bedeutung sorgfältig gelesen habe, allerdings mit zunehmendem Unbehagen, und dies ausschließlich darum, weil möglicherweise mehr als sonst beide Geschlechtsbezeichnungen gebraucht worden sind.

Es gibt Publikationen, die teils beide, teils nur eine Geschlechtsbezeichnung verwenden. In dieser Publikation jedoch gab es keine Ausnahme. Ich habe genau gezählt: Auf gut 13 Seiten wurden genau 100 Mal beide Geschlechtsbezeichnungen gebracht.

Dies ist beim Schreiben und Lesen dann noch relativ erträglich, wenn es um mehr einfache Bezeichnungen geht wie Patient und Patientin, Arzt und Ärztin oder Facharzt und Fachärztin. Es gibt aber auch komplizierte Bezeichnungen bis hin zu Wortungetümen. Beispiele aus der hier angeführten Publikation sind

  • niederlassungswillige Ärztinnen bzw. niederlassungswilliger Arzt
  • angestellte Konsiliarärztinnen/-ärzte
  • abgebender / abgebendem und niederlassungswilliger / niederlassungswilligem Ärztin / Arzt
  • einer erfahrenen Allgemeinmedizinerin / eines erfahrenen Allgemeinmediziners
  • eine so genannte Leitende Notärztin / ein so genannter Leitender Notarzt.

Die Addition der geschlechtsspezifischen Bezeichnungen ergab, dass bei einfacher Verwendung fast eineinhalb Seiten hätten eingespart werden können. Dies Beispiel mag extrem sein, das Prinzip jedoch bleibt davon unberührt.

Professor Dr. med. Fritz Beske

Professor Dr. med. Fritz Beske

Aktuelle Position: Leiter des Fritz Beske Institut für GesundheitsSystem-Forschung Kiel.

Werdegang/Ausbildung: Berufliche Stationen führten ihn unter anderem ins Schleswig-Holsteinische Sozialministerium und zur WHO.

Sicher, es gibt Beispiele, in denen eine geschlechtsspezifische Bezeichnung empfehlenswert, wenn nicht sogar geboten ist. So erscheint es undenkbar, etwa einen Vortrag nicht mit "Meine Damen und Herren" oder "Liebe Kolleginnen und Kollegen" zu beginnen.

Und niemand würde die Präsidentin eines Landtags oder des Bundestags nicht mit "Frau Präsidentin" anreden. Es gibt auch Beispiele dafür, dass sich nur eine einzige Geschlechtsbezeichnung anbietet, so etwa Herr und Frau Leutnant. Frau Leutnantin klingt nicht. Frau Generalin klingt da schon besser.

Entscheidend sind jedoch die sich aus diesem Zeitgeist ergebenden Konsequenzen. Nicht auszudenken, was in der Summe aller Druckerzeugnisse bei einer einfachen Geschlechtsbezeichnung im Laufe eines Jahres an Umfang gespart werden könnte.

 Papier wird im Wesentlichen aus Holz gewonnen. Es sind riesige Wälder, die abgeholzt werden müssen, nur um diesem Zeitgeist zu entsprechen. Allein schon aus ökologischen Gründen wäre es an der Zeit, diese vorsichtig ausgedrückt Gepflogenheit zu beenden, unabhängig davon, dass dies auch mit Kosten, mit Geld verbunden ist.

In Romanen übrigens habe ich von dieser Gepflogenheit kaum etwas gespürt. In den Veröffentlichungen unseres Instituts weisen wir zu Beginn in einer Fußnote darauf hin, dass mit jeder männlichen oder weiblichen Bezeichnung dann, wenn es auch eine andere geschlechtsspezifische Bezeichnung gibt, beide Bezeichnungen gleichberechtigt gemeint sind, bisher ohne jede Beanstandung.

Was übrigens für Druckerzeugnisse gilt, hat auch Eingang in Vorträge gefunden. Es wird zum Teil, und dies oft in verwaschener Sprache, nahezu penibel darauf geachtet, dass kein Fehler unterläuft, und trotzdem so nicht immer durchgehalten.

Bleibt die Frage nach dem cui bono. Über die Gleichbehandlung der Geschlechter kann es keine Diskussion geben. Wo dies noch nicht erreicht ist, besteht Handlungsbedarf.

Ob dieser Prozess durch die komplizierte, ökologisch unsinnige und zusätzliche Kosten erzeugende geschlechtsspezifische Wortwahl in irgendeiner Weise gefördert wird, ist mehr als fraglich. Mag sein, dass diese Praxis zu Beginn der Diskussion über die Gleichstellung und Gleichbehandlung von Mann und Frau seine Bedeutung hatte.

Diese Zeit ist jedoch vorbei. Auch heute kann niemand gegen eine sinnvolle und angemessene Verwendung beider Geschlechtsbezeichnungen sein. Es ist jedoch an der Zeit, eine überholte Praxis zu überdenken.

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