Ärzte Zeitung, 25.08.2011

Die älteste Vorturnerin der Welt ist 100 geworden

Vor kurzem hat sie ihren letzten Einsatz als Übungsleiterin gehabt: Vorturnerin Gertrud Märczel aus Hamburg blickt auf ein langes Leben als Sportlerin zurück.

Von Gunnar von der Geest

Die älteste Vorturnerin der Welt ist 100 geworden

Das waren noch Zeiten: Turnen im Freien im Jahr 1950. Gertrud Märczel gibt den Takt an, und alle Kinder machen mit.

© privat/Repro: von der Geest

Die älteste Vorturnerin der Welt ist 100 geworden

War immer ein sportliches Vorbild: Gertrud Märczel hat ihr Leben in den Dienst des Turnsports gestellt.

© von der Geest

HAMBURG. Sie hat die Vitalität einer 70-Jährigen und versprüht die Lebensfreude einer 30-Jährigen. Kaum zu glauben: Im Frühjahr hat Gertrud Märczel aus Hamburg ihren 100. Geburtstag gefeiert. Und was noch unglaublicher ist: Trudel, wie sie allseits genannt wird, leitete bis vor kurzem jeden Mittwoch von 15 bis 16.30 Uhr die Senioren-Gymnastik in "ihrem" Verein, dem TSV Wandsbek-Jenfeld von 1881.

Die 1911 in Berlin-Karlshorst geborene Jubilarin geht als älteste Übungsleiterin der Welt in die Sportchronik ein. Im vergangenen Jahr berichteten internationale Medien über den walisischen Fußballlehrer Ivor Powell, der im "jugendlichen" Alter von 93 Jahren seine Karriere beendet hatte und seitdem als weltweit ältester Trainer galt. Mit Beginn der Sommerferien ist nun auch Gertrud Märczel im Ruhestand.

Sport aufgrund einer Rückenverkrümmung

Als Siebenjährige fing Trudel mit dem sogenannten Haltungsturnen im damaligen TuS Wandsbek 1881 an. Ihr Kinderarzt hatte eine Rückenverkrümmung diagnostiziert und deshalb dosierte Bewegung verordnet. "Sonst hätte ich einen Buckel bekommen", sagt sie lächelnd. Bereits 1920 wurde Gertrud Märczel Vorturnerin bei den Knaben.

"Das war damals eine große Ehre für mich, da Jungen und Mädchen getrennt voneinander Sport betrieben", erinnert sich die topfitte Seniorin, die lediglich nicht mehr so gut hören kann. Ihr Talent, andere Jugendliche zum Sporttreiben zu motivieren, sprach sich in der Turnszene schnell herum.

Als Trudel zwölf Jahre alt war, wollte ein bürgerlicher Sportverein sie abwerben. Neugierig folgte das Mädchen den Athleten mit ihren feschen Schirmmützen. Doch Trudel, deren Vater Glasbläser war und das SPD-Parteibuch besaß, wurde nicht so recht warm mit den Gutbetuchten und kehrte schnell zu ihren Wurzeln zurück.

1929: Teilnahme an der Arbeiter-Olympiade in Wien

Der erste sportliche Höhepunkt in ihrer langen Laufbahn als Übungsleiterin ließ nicht lange auf sich warten: 1929 nahm Gertrud Märczel mit einer Gruppe an der Arbeiter-Olympiade in Wien teil. Drei Tänze hatte sie hierfür monatelang einstudiert.

Noch heute fühlt sich die politisch interessierte Hamburgerin der Arbeitersport-Bewegung verbunden und nimmt jedes Jahr an den Ehemaligen-Treffen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATUS) teil, der 1933 von den Nationalsozialisten verboten worden war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Gertrud Märczel im Jahr 1945 zu den Männern und Frauen der ersten Stunde, die den Wiederaufbau des Vereinssports in Deutschland vorantrieben. "Da ich von morgens um vier bis mittags um zwölf arbeiten musste, hatte ich am Nachmittag Zeit für meine Turngruppen", sagt die frühere Angestellte und Betriebsrätin der Hamburger Hochbahn.

Ohne Trainerlizenz erhielt sie Preise und Auszeichungen

In dieser Zeit half ihr der Sport auch über persönliche Rückschläge hinweg: 1948 verlor sie ihr ungeborenes Kind im vierten Monat; wenig später wurde die Ehe mit ihrem Mann Hans, den sie als 15-Jährige beim Tanzen kennengelernt hatte, geschieden.

Eine Trainerlizenz hat Gertrud Märczel, die 1981 den Ehrenbrief des Deutschen Turner-Bundes und 1998 die "Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes" vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg erhielt, nie erworben. "Ich habe bis zu meinem 90. Geburtstag ausgewählte Seminare beim Verband für Turnen und Freizeit besucht und mir viele Übungen von anderen abgeschaut", berichtet sie.

"In neun Jahrzehnten kommt ein ansehnliches Repertoire zusammen." Bis heute gibt es kaum ein Sportereignis, das der leidenschaftliche Fußball-Fan des HSV im Fernsehen verpasst. Und so wissen alle Bekannten, dass sie bei wichtigen Entscheidungen eines auf keinen Fall machen dürfen: Trudel Märczel anrufen.

Senioren-Gymnastik seit 1976

Seit 1976 leitete sie die Senioren-Gymnastik, ihre Gruppe bestand aus Männern und Frauen im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Gute Tradition war das gemeinsame Kaffeetrinken nach dem Sport im Vereinshaus. Eine kleine Stärkung wissen schließlich Ältere ebenso zu schätzen wie damals ihre jüngsten Turner.

Wenn diese einst hinfielen, legte sie ihnen einen Groschen für eine Süßigkeit auf die Wunde und sagte: "Turnerherz kennt keinen Schmerz!" Dies könnte auch heute noch das zentrale Lebensmotto von Gertrud Märczel sein, die nach wie vor ihr kleines Eigenheim selbst bewirtschaftet. "Wenn mich das Unkraut auf dem Gehweg stört, rupfe ich es raus", erklärt sie lapidar. Lediglich beim Rasenmähen und Einkaufen nimmt sie gern die Hilfe der Sportfreunde an.

Als Trudel Märczel 95 Jahre alt wurde, glaubte sie, irgendwann aus der Halle getragen werden zu müssen. Anlässlich ihres 100. Geburtstages beschloss die "Grande Dame" des Seniorenturnens, kürzer zu treten und fortan allenfalls noch als "Co-Trainerin" zu fungieren. Doch es fand sich keine geeignete Nachfolgerin.

So schloss Deutschlands älteste Übungsleiterin schweren Herzens die Halle nach 93 Jahren Mitgliedschaft im gleichen Verein vor wenigen Tagen zum letzten Mal ab.

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