Ärzte Zeitung online, 28.02.2011

Tödliche Spitze: Alkohol und Tabak in der Ukraine

KIEW (dpa). Konstantin Krassowski hat einen Traum. Der Beamte des Gesundheitsministeriums der Ukraine will die Ex-Sowjetrepublik in ein Land von Nichtrauchern verwandeln. Dazu plant er Steuererhöhungen, Aufklärungskampagnen und Bußgelder. Laut einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO über die Sterberate in 30 europäischen Ländern fordern Nikotin und auch Alkohol in der Ukraine viel mehr Menschenleben als anderswo auf dem Kontinent.

Die von Medien als "Revolution" bezeichnete Idee tut not. Trotzdem erhielt Krassowski für seine Idee kein Lob: In Internetforen wird ihm vorgeworfen, die ukrainische Kultur zu zerstören.

Auch Igor und Gena gehören zu jenen, die für Krassowski nur Spott übrig haben. In der ukrainischen Hauptstadt stehen sie täglich zig Mal vor ihrem Arbeitsplatz in einem PC-Laden und greifen zum Glimmstängel. "Was ist das für eine Bevormundung? Ich lasse mir das Rauchen von niemandem verbieten", wettert Gena. Sein Kollege Igor sieht das genauso. "Meine Arbeit ist stressig genug, dazu das tägliche Hin und Her. Ohne Zigarette würde ich überhaupt keine Entspannung finden."

Zwar ist Rauchen in öffentlichen Gebäuden und einigen Restaurants tabu, zudem existiert ein weitgehendes Werbeverbot für Alkohol. Doch solche Vorschriften führen nicht zum Umdenken. In der Ukraine gibt es allein 40 Wodka-Hersteller, große Supermärkte bieten gleich mehrere Regalreihen hochprozentiger Getränke an. Bier gilt als Erfrischungsgetränk, das in einer Reihe mit Softdrinks und Wasser verkauft wird.

Das Statistikamt in Kiew veröffentlicht regelmäßig beunruhigende Zahlen: Laut einer Studie von 2008 sind in der Ex-Sowjetrepublik 30 Prozent der Männer im Alter zwischen 25 bis 30 Jahre alkoholabhängig. Fast 40 000 Männer starben an Alkoholvergiftung, und mehr als 140 000 Unfälle von betrunkenen Fahrern wurden registriert. Vor kurzem holte die Polizei in Simferopol auf der Halbinsel Krim gerade noch rechtzeitig eine Flugzeugcrew mit drei Promille Alkohol im Blut aus dem Cockpit. Angesichts der alarmierenden Spitzenwerte kritisieren Experten, dass es in Europas zweitgrößtem Flächenstaat keine umfassende Strategie gegen das Saufen gibt.

Statistiken zufolge sind nirgends in Europa Alkohol und Tabak so billig wie in der Ukraine. Zwar kostet seit Jahresbeginn eine Schachtel Zigaretten im Durchschnitt umgerechnet 90 Cent. Doch an jeder Ecke gibt es Schmuggelware zum halben Preis zu kaufen.

Oft spielt auch der Aberglaube eine Rolle. Viele Ukrainer lehnen limonadenhaltige Mixgetränke (Alkopops) ab, da sie fürchten, durch den Konsum der "neumodischen" Säfte krank zu werden. In einigen Regionen gilt Alkohol auch als Medizin. Zum Vorbeugen gegen Krankheiten wird das meist selbst gebrannte "Wässerchen" nicht nur getrunken, sondern auch zum Einreiben und Desinfizieren benutzt.

Beispielhaft für den aussichtslos scheinenden Kampf gegen die Sucht ist eine Umfrage aus der Provinzstadt Winniza. Fast 100 Prozent der Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren trinken täglich Alkohol und rauchen. Dass ein Teil ihrer Schüler betrunken in den Unterricht komme, sei leider Alltag, berichtet Lehrerin Irina Rudenko.

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