Ärzte Zeitung online, 11.03.2011

Erdbeben Japan: USA schicken Reaktorkühlmittel

WASHINGTON (dpa). Die USA haben Reaktorkühlmittel nach Japan geschickt, um einen Beitrag zur Lösung der kritischen Lage im Atomkraftwerk Fukushima zu leisten. Außenministerin Hillary Clinton sagte am Freitag, die US-Luftwaffe habe aufbereitetes Kühlwasser zu der Anlage transportiert.

Japan hänge erheblich von der Atomkraft ab, und das Land habe einen hohen technischen Standard, sagte Clinton. Nach dem Erdbeben sei es aber zu Problemen in einem der Atomkraftwerke gekommen. Der amerikanische Reaktorexperte Robert Alvarez sprach von einem "beängstigenden Rennen gegen die Zeit". Bei einem längeren Ausfall der Kühlung könne es zu schweren Konsequenzen kommen, darunter auch eine mögliche Kernschmelze.

Als Japans Regierungschef Naoto Kan knapp sechs Stunden nach dem verheerenden Erdbeben den Atomalarm ausrief, war klar, wie ernst die Lage ist. Zwar waren die Kernkraftwerke in der Katastrophenregion wie bei Erdbeben üblich heruntergefahren worden, aber Nachrichten über einen Brand im AKW Onagawa und ein ausgefallenes Kühlsystem im Atommeiler Fukushima sorgten nicht nur in Japan für Beunruhigung.

Die Bundesregierung beobachte die Lage angesichts von Berichten über eine mögliche Kernschmelze genau, hieß es aus dem Umweltministerium.

Brennstäbe schauten aus dem Kühlwasser

Besonders die Lage im Reaktor Fukushima war stundenlang dramatisch, weil es nach dem Beben Probleme mit dem Kühlsystem gab. Techniker schalteten ein Notkühlsystem ein, doch auch die dafür notwendige Notstromanlage fiel aus, so dass die Anlage nur noch über Batterien lief. Nach Greenpeace-Angaben schauten Brennstäbe teils zwei Meter aus dem Wasser, weil zu wenig Kühlwasser nachgepumpt werden konnte.

Experten sprachen vom einem "Station Blackout". Trotz der durch das Beben erfolgten Abschaltung sei es im Reaktorkern weiter sehr heiß - und ohne Strom funktioniere kein Sicherheitssystem mehr. In Fukushima wurden tausende Menschen in Sicherheit gebracht und Militär in die Region geschickt. Der betroffene Block Daiichi-1 ist der älteste und war 1971 ans Netz gegangen.

Am Abend gab es unterschiedliche Berichte über die Lage. Zum Teil hieß es, die Behörden würden das Kühlsystem des Atommeilers in den Griff bekommen und die Gefahr eines radioaktiven Unfalls bannen.

Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete jedoch unter Berufung auf die Betreibergesellschaft, dass die Radioaktivität in der Anlage steige.

Droht Kernschmelze?

Mit Blick auf die Kühlprobleme sagte Sven Dokter von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), im allerschlimmsten Fall drohe in einer solche Lage eine Kernschmelze. Dabei erhitzen sich Brennstäbe so sehr, dass sie schmelzen, die Reaktorhülle zerstören und Radioaktivität im hohen Maße nach draußen dringt.

Die Leiterin des Bereichs Nukleartechnik beim Öko-Institut, Beate Kallenbach-Herbert, betonte, dass wegen des Tsunamis auch Kühlwasser aus den Flüssen wegen der Verschlammung wohl nicht mehr zur Verfügung stehe.

Durch fehlendes Kühlwasser sei der Druck im Reaktorkern gestiegen, sagte Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzte-Organisation IPPNW. Es müsse wegen des Alters der Anlage mit austretender Radioaktivität gerechnet werden.

Das Ereignis dürfte auf der Skala für nukleare Ereignisse (INES) mindestens als Störfall (Stufe 2) eingestuft werden - wenn es nicht noch zur Kernschmelze kommt. Die höchste INES-Stufe 7 wurde bisher nur durch den Gau von Tschernobyl vor 25 Jahren erreicht.

Feuer im Atomkraftwerk Onagawa gelöscht

   Dies scheint glimpflich verlaufen zu sein. Bisher gibt es dort keine Informationen über radioaktive Lecks. In Onagawa gibt es drei Reaktoren, die alle Siedewasserreaktoren sind. Dabei wandelt die bei der Kernspaltung im Primärkreislauf erzeugte Wärme das Wasser in Wasserdampf, der direkt die den Strom produzierenden Turbinen antreibt.

Durch das Feuer bei den Turbinen wurde der Reaktor selbst nicht gefährdet, die Flammen konnten laut der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA nach einigen Stunden gelöscht werden. Da es keine direkte Trennung zwischen Primärkreislauf und Turbinen gibt, hätte der Brand aber dazu führen können, dass Radioaktivität über mögliche Schäden im Turbinengebäude nach draußen dringt.

Wie erdbebensicher sind deutsche Atomkraftwerke?

   "Deutsche Kernkraftwerke sind gegen die bei uns zu erwartenden Erdbeben ausgelegt", sagt Jürgen Maaß vom Umweltministerium. Die Anlagen würden beim Überschreiten bestimmter sicherheitsrelevanter Grenzwerte automatisch abgeschaltet - so wie es auch in Japan geschehen ist.

Auch die Schweiz betont: "Die Kernkraftwerke sind so geplant, gebaut und nachgerüstet worden, dass sie auch schweren Erdbeben widerstehen können."

In Deutschland gab es zuletzt 2007 einen Brand auf einem AKW-Gelände. Das Feuer in Krümmel hatte keinen Einfluss auf den Reaktor, es trat auch keine Radioaktivität aus. Aber infolge des Trafobrands kam es zu diversen Fehlern im Ablauf, der Meiler steht seitdem fast ununterbrochen still.

Stimmen von AKW-Kritikern

"Die Befürworter der Atomenergie unterschlagen die Sicherheitsdimensionen", sagt der frühere Umweltstaatssekretär und heutige Vorsitzende der Naturfreunde Deutschlands, Michael Müller (SPD). Es gehe nicht nur um die Eintrittswahrscheinlichkeit, die bei AKWs sehr gering sei. "Es geht, zumal in dicht bevölkerten Regionen, auch um den Schadensumfang", sagt Müller.

Die Linken-Politikerin Dorothée Menzer sagt: "Diese offensichtlichen Probleme in den vom Beben betroffenen Atomanlagen führen uns - nur wenige Tage vor dem 25. Jahrestag des Tschernobyl-GAUs - erneut auf dramatische Weise vor Augen, welche unbeherrschbaren Gefahren die Atomkraft birgt."

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