Ärzte Zeitung online, 13.03.2011

Japan: Über 10.000 Tote, Kernschmelze in Fukushima 1, erhöhte Radioaktivität

TOKIO (dpa). In der japanischen Katastrophenregion Miyagi hat es möglicherweise mehr als 10 000 Tote gegeben. Unterdessen geht die japanische Regierung von einer zumindest teilweisen Kernschmelze im Block 3 des Kernkraftwerks Fukushima 1 (Daiichi) aus. In der Provinz Miyagi wurde eine 400 Mal höhere Radioaktivität gemessen als normal.

Japan: Über 10.000 Tote, Kernschmelze in Fukushima 1, erhöhte Radioaktivität

[M] Seismograph-Kurve:

© dpa | Till Schlünz

Der Chef der Provinzpolizei, Naoto Takeuchi, wurde mit den Worten zitiert, er habe "keinen Zweifel", dass die Zahl der Toten bis auf über 10.000 allein in Miyagi steigen werde.

Die Region war am schwersten von dem Erdbeben der Stärke 9,0 und dem verheerenden Tsunami getroffen worden. Bislang seien in Miyagi und anderen Gebieten mehr als 800 Tote gezählt worden.

Wind weht offenbar radioaktive Teilchen aus Fukushima in andere Provinzen

Atomexperten haben in der nordöstlichen Provinz Miyagi eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. An die Bevölkerung wurden zum Schutz der Schildrüse Jod-Tabletten ausgegeben.

Experten vermuten, dass der Wind Radioaktivität aus der Provinz Fukushima herübergeweht habe. Die beschädigten Reaktoren von Fukushima liegen gut 150 Kilometer von der Region mit der erhöhten Strahlung entfernt.

Die massiv erhöhten Strahlenwerte meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreibergesellschaft Tohoku. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, die Reaktoren in der Region seien stabil.

Um das AKW Onagawa sei eine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Man gehe davon aus, dass dies nicht von dem Reaktor stamme.

Regierung geht jetzt von Kernschmelze in Fukushima Daiichi aus

GAU und Super-GAU Atomkatastrophen

INES: Mit der International Nuclear Event Scale INES wird die Schwere von Unfällen in Kernkraftwerken gemessen.Fukushima ist derzeit noch auf Stufe 4 bewertet: Unfall mit geringer radioaktiver Freisetzung.

Tschernobyl 1986: Stufe 7, katastrophaler Unfall mit schwerster Freisetzung von Radioaktivität; Ursache: Konstruktionsmängel und menschliches Versagen; mehr als 1000 Tote unter den Liquidatoren als Folge unmittelbarer Verstrahlung; langfristig 30.000 bis 60.000 Krebstote.

Three Mile Island 1979: Stufe 5, schwerer Unfall, partielle Kernschmelze, wahrscheinlich erhöhte Krebshäufigkeit als Folge.

In sechs von zehn Reaktoren des AKW-Komplex Fukushima ist die Kühlung ausgefallen. Rund um die Kraftwerke wurden bis Sonntagmorgen 200.000 Menschen evakuiert.

Im Reaktorblock 3 des Kraftwerks Fukushima Daiichi ist es nach Angaben eines Regierungssprechers möglicherweise zu einer Kernschmelze gekommen.

Wie bereits zuvor am Reaktorblock 1 sei die Kühlfunktion ausgefallen. Dadurch sei das Kühlwasser zurückgegangen. "Es kann sein, dass es eine geringe Kernschmelze gab", sagte Yukio Edano am Sonntag. Durch Salzwasserzufuhr seien die Brennstoffstäbe aber inzwischen ist wieder im Wasser.

Es könne allerdings sein, dass sich dadurch Wasserstoff unter dem Dach angesammelt habe, sagte Edano. Doch selbst wenn es wie im Reaktorblock 1 zur Explosion komme, könne der Reaktor dem widerstehen. Neue Evakuierungen seien nicht notwendig.

Meerwasser plus Borsäure soll den Reaktor kühlen

Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi pumpten Experten seit Samstagabend ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure in den Reaktorblock 1. Bor kühlt den Reaktor zusätzlich ab. Damit soll eine Kernschmelze verhindert werden, die so schlimm wie der Atomunfall 1986 in Tschernobyl in der Ukraine sein könnte. Eine ähnlich dramatische Entwicklung drohte im Reaktorblock 3.

Wie weit eine vermutete Kernschmelze fortgeschritten war, blieb zunächst unklar. Nach Angaben von Hisanori Nei von der Atomsicherheitsbehörde wird die Möglichkeit als groß angesehen, dass es in dem AKW Fukushima Daiichi schon vor der Explosion vom Samstag zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Es sei das erste Mal, dass in Japan zu einer Kernschmelze kam, wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press weiter berichtete.

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