Ärzte Zeitung online, 14.03.2011

Bündnis 90/Die Grünen: Drohende Kernschmelze kaum noch beeinflussbar

BERLIN (af). Die japanischen Stellen können die Ereignisse in den drei von einer Kernschmelze bedrohten Blöcken des Kernkraftwerkes Fukushima nicht mehr aktiv steuern. Aus technischer Sicht bestehe kaum eine Möglichkeit, den Unfallablauf noch irgendwie zu beeinflussen, sagte der ehemalige Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Lothar Hahn, bei einer Veranstaltung der Fraktion Bündnis90/Die Grünen am 14. März in Berlin.

Bündnis 90/Die Grünen: Drohende Kernschmelze kaum noch beeinflussbar

Luftaufnahme des Kernkraftwerks Fukushima 1 nach der Explosion des Reaktorblocks 3 am 14. März.

© dpa

"Die Tatsache, dass Mitarbeiter der Kernkraftwerke bereits in Krankenhäusern behandelt werden, lässt Schlimmstes befürchten", sagte Hahn.

Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse mache es dem Betriebspersonal in Fukushima ungeheuer schwer, noch etwas gegen die drohenden Kernschmelzen in den betroffenen Blöcken des Kraftwerks zu unternehmen, sagte der ehemalige Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium Wolfgang Renneberg. Ihre Schutzanzüge könnten sie nur bedingt vor Radioaktivität schützen.

Für Renneberg steht fest, dass die Kernschmelze unweigerlich eintreten werde. Das Fluten der Sicherheitsbehälter mit Wasser berge hohe Risiken. Alle drei betroffenen Sicherheitshüllen könnten dabei zerstört und ihr radioaktives Inventar freigelegt werden. Es handele sich um größere Mengen an spaltbarem Material als bei der Katastrophe von Tschernobyl.

Anders als bei der Kernschmelze in dem ukrainischen Kraftwerk ständen die japanischen Reaktoren nicht in Flammen. Das Feuer in Tschernobyl habe die weiträumige Verteilung der radioaktiven Stoffe gefördert. Dennoch werde eine Sicherheitszone von etwa 30 Kilometern rund um das Kraftwerk eingerichtet werden müssen. Japan selbst, China und Russland müssten damit rechnen, kontaminiert zu werden.

Die Experten bezeichneten die Informationspolitik der japanischen Behörden als unzureichend. "Wer jetzt noch behauptet, es bestehe keine Gefahr, handelt fahrlässig. Das ist irreführend," sagte Renneberg.

Die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, warnte davor, die tatsächliche Ursache der Reaktorkatastrophe von Fukushima auszublenden. Nicht das Erdbeben habe den Reaktorbetrieb originär beeinträchtigt, sondern der Stromausfall im Anschluss sowie die fehlenden Notstromaggregate.

Gerade bei den alten Atomkraftwerken in Deutschland, die eigentlich in diesem Jahr hätten abgeschaltet werden sollen, gebe es keine ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen gegen die Folgen von Stromausfällen, sagte Höhn.

Zum Special "Katastrophe in Japan"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Ärzte können künftig Medizinalhanf verordnen

Nach jahrelanger Debatte regelt das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu. Krankenkassen müssen künftig die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »