Ärzte Zeitung, 05.04.2011

Eine kompetente Mitarbeiterin im Eissalon

Zunächst hat die junge Frau nur die Spülmaschine ein- und ausgeräumt. Doch dann hat sie nach und nach in einem Marburger Eissalon immer mehr Aufgaben bekommen und souverän erledigt: Johanna Seip hat das Down-Syndrom - und eine Arbeit, die ihr viel Spaß macht.

Von Gesa Coordes

Eine kompetente Mitarbeiterin im Eissalon

Sie ist grundehrlich, pflichtbewusst, lebhaft und lustig: Johanna Seip macht die Arbeit im Eissalon viel Spaß.

© Gesa Coordes

MARBURG. "Sie ist grundehrlich, pflichtbewusst, sehr interessiert, lebhaft und lustig": Wenn der Marburger Cafébesitzer Marcello Camerin über Johanna Seip spricht, hört es sich fast so an, als sei sie die ideale Mitarbeiterin. Doch die 21-Jährige mit dem freundlichen Lächeln hat das Down-Syndrom und gilt als geistig behindert.

Eine Anfrage von den Lahnwerkstätten

Deswegen war Marcello Camerin zunächst sehr skeptisch, als die nahe gelegenen Lahnwerkstätten bei ihm anfragten, ob Johanna Seip bei ihm arbeiten könne. Doch er probierte es. Anfangs räumte die junge Frau nur die Spülmaschine ein und aus.

 Dann schnippelte sie Obstsalat. Und inzwischen hat sie ihren festen Platz an der Theke. Sie macht Latte Macchiato, Espresso und Cappuccino an der Cafémaschine, wischt die Tische, kauft ein und bringt Getränke zu den Kunden. "Wenn ich es gut gemacht habe, bekomme ich Trinkgeld", erzählt Johanna Seip. Von ihrem Geld hat sie sich bereits einen Fernseher gekauft.

"Wir haben sehr schnell gemerkt, dass Johanna sehr viel mehr kann, als wir uns hätten träumen lassen", sagt der Chef. Nur an die Kasse darf sie nicht, weil sie nur ein wenig rechnen kann. Und die Kollegen achten darauf, ihr immer nur eine Sache aufzutragen.

"Sie ist regelrecht aufgeblüht", sagt Bernd Engelhardt, der bei den Lahnwerkstätten für die berufliche Integration der mehr als 300 behinderten Mitarbeiter zuständig ist. Jeder Zehnte arbeitet außerhalb der Werkstatt. "Man muss Nischen finden", sagt der Experte: "Und die Chemie muss stimmen."

Am liebsten isst sie Erdbeereis

Das ist im Eissalon Camerin in Marburg-Wehrda offenbar der Fall: "Buon Giorno", ruft die 21-Jährige den deutsch-italienischen Mitarbeitern zur Begrüßung zu: "Ich mag alle hier", sagt sie. Am liebsten isst sie Erdbeer-, Pfefferminz- und Waldmeistereis.

 Leider darf sie aus gesundheitlichen Gründen nicht viel Süßes essen. Trotzdem liebt sie ihren Job so sehr, dass sie die Arbeitszeit freiwillig verlängert hat. Dabei bedeutet dies, dass sie nun allein mit Bus und Bahn in ihr Heimatdorf zurückfahren muss.

Die Sorge um die Kunden war offenbar unnötig. Die Cafébesucher haben die junge Frau ins Herz geschlossen, die gern mit jedem ins Gespräch kommt.

Die 21-Jährige erzählt von ihren Neffen, ihrem Freund, von Harry Potter und Bayern München. Manchmal müsse man sie da ein wenig bremsen, erzählt Camerin. Und wenn die Bayern verlieren, kann ihr das aufs Gemüt schlagen.

Für das Eiscafé ist Johanna Seip eine wertvolle Mitarbeiterin geworden, die Camerin nicht verlieren möchte. Wenn ihr Langzeitpraktikum im Herbst ausläuft, wird sie übernommen. Dafür gibt's finanzielle Unterstützung vom Landeswohlfahrtsverband.

In Deutschland leben etwa 50 000 Menschen mit Down-Syndrom. Johanna Seip ist auf einem guten Weg. Seniorchefin Mirella Camerin: "Wir sind sehr zufrieden. Sie passt gut hierher."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »