Ärzte Zeitung online, 28.03.2011

Harrisburg-Gedenken im Schatten der japanischen Atomkatastrophe

MIDDLETOWN (dpa). Der Strahlenunfall kam am 28. März 1979, als der Frühling gerade seine Fühler ausstreckte, Pennsylvanias Trauerweiden grün tönte und die Obstbäume dicke Knospen treiben ließ. Farmer machten ihre Pflüge klar, und Hausfrauen ernteten den ersten Löwenzahn in der sonnigen Kühle. Wäsche hing zum Trocknen draußen.

An diesem Montag ist der 32. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Harrisburg, und den Menschen im Herzen des US-Staates Pennsylvania entgeht nicht die besondere Ironie darin, gerade jetzt die Ereignisse im japanischen Fukushima zu verfolgen.

Die sich immer wieder ändernden Einschätzungen der Betreiber über Explosions- und Strahlengefahren sind ihnen nur allzu vertraut - ebenso wie die Unentschlossenheit der Offiziellen in Sachen Lebensmittelsicherheit und Evakuierung.

"Ich würde sagen, sie sollten da weggehen", drängt Mike Venesevich die Japaner. Er arbeitete am 28. März 1979 in einem Stahlwerk nicht weit vom Atomkraftwerk Three Mile Island. Als die Nachrichten über eine Freisetzung radioaktiver Gase kamen, eilte er nach Hause.

"Meine Mutter hängte gerade Kleidung auf. Sie beklagte sich, dass ihre Haut brannte und dass sie einen metallischen Geschmack im Mund spürte", sagt Venesevich der Nachrichtenagentur dpa und beschreibt damit Klagen, die an jenem Tag verbreitet erklangen.

Wie rund 140.000 andere Menschen in der Region sammelte Venesevich seine Familie ein und suchte das Weite, Teil einer freiwilligen Flucht über die nächsten fünf Tage. Der Staat ordnete am Ende an, dass schwangere Frauen und kleine Kinder den Umkreis von 16 Kilometern um den Reaktor verlassen sollten.

Barbara Deardorff, eine Lehrerin, die nahe bei Three Mile Island lebte, erinnert die aktuelle Atomkatastrophe in Fukushima daran, wie sie in Schuhen schlief, immer bereit zu fliehen. Sie hatte ihre beiden Kinder - auf Drängen einer schwangeren Schwester in München - weggeschickt, doch sie musste bleiben für den Fall, dass die Schulen wieder öffneten. Carla Klinedinst, die mit ihrem zweijährigen Kind und ihrem Mann fliehen musste, erinnert sich daran, dass sie aus Angst vor Verstrahlung keine Wäsche mehr raushängte.

Three Mile Island war der erste Atomunfall, der weltweit Aufmerksamkeit erregte. Menschliches und technisches Versagen sowie Konstruktionsfehler führten dazu, dass eine Explosion drohte, der Reaktorkern teilweise schmolz und radioaktive Gase sowie das gefährliche Jod 131 entwichen.

Studien zeigten dann, dass die radioaktive Belastung pro Person nicht höher als ein Drittel der normalen jährlichen Strahlung war und dass es nur ein bis zwei nachweisliche Krebstode gab. Aber einige Experten meinen, diese Zahlen seien zu tief angesetzt. Die Krise hatte Verbesserungen der Sicherheitsanforderungen in den USA und in der internationalen Industrie zur Folge, aber nicht genug, um andere Katastrophen zur Frühlingszeit zu verhindern - Tschernobyl im April 1986 und jetzt Fukushima.

Heute ist Block 2 von Three Mile Island stillgelegt. Seine zwei 130 Meter hohen Kühltürme zeichnen sich drohend über der Insel im Susquehanna-Fluss ab, stumme Zeugen einer Katastrophe. Die Betriebserlaubnis von Block 1 wurde trotz örtlichen Widerstandes um weitere 20 Jahre bis 2034 verlängert, aus seinen Kühltürmen tritt Dampf aus, den ein frischer Wind zerwirbelt. Über den Köpfen dröhnen Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen von Harrisburg.

Robert Reid, Bürgermeister von Middeltown seit mehr als 32 Jahren, erinnert sich, wie der Reaktorunfall "uns kalt erwischte." Die Betreiber der sechs Kilometer entfernten Anlage hätten gesagt, es gebe genügend Sicherheitssysteme "und dass wir niemals einen Unfall haben könnten. Tatsächlich haben wir ihnen geglaubt", sagt Reid.

Reid erzählt, wie er sich sofort danach daran machte, den landesweit ersten Atomkraft-Evakuierungs-Plan zu schaffen - der in der ganzen 10.000-Einwohner-Stadt verteilt wurde und den der gegenwärtige Betreiber von Block 1 in den Telefonbüchern veröffentlicht.

Die eine Milliarde Dollar teure Bereinigung von Three Mile Island dauerte 14 Jahre. Japan war damals das einzige Land, das Ingenieure schickte, 20 an der Zahl, die dort ein Jahrzehnt als Helfer blieben. Die Regierung spendete dafür 18 Millionen Dollar und ließ rund ein Dutzend der berühmten japanischen Kirschbäume gegenüber dem Unglücksreaktor pflanzen, die nun kurz davor stehen, in volle Blüte auszubrechen. US-Ingenieure leisten jetzt ihrerseits Hilfe in Fukushima.

Die Fukushima-Katastrophe ist schlimmer als die von Three Mile Island. Dort ist eine noch viel längere und teurere Bereinigung nötig. Die dortige Anordnung mit sechs Reaktoren am Meer erstaunt die Leute in Pennsylvania. Selbst zwei Reaktoren in Three Mile Island waren einer zu viel, findet Reid, der immer noch an die Atomkraft glaubt.

Eric Epstein, Anführer einer örtlichen Aktivistengruppe, hebt die Rolle hervor, die Bürgerorganisationen dabei spielten, Industrie und Regierung auf die Finger zu schauen. Seine Gruppe zum Beispiel hat unabhängige Strahlenmesspunkte geschaffen.

"Du musst aktiv sein und darfst keine Angst haben, Fragen zu stellen. Du musst energischer deinen eigenen Hinterhof beobachten." Das rät er auch den Japanern und sorgt sich zugleich, dass dies "den liebenswerten und höflichen Menschen" in Japan schwerfallen könnte.

Topics
Schlagworte
Panorama (30167)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »