Ärzte Zeitung online, 01.04.2011

Pulver, Spritzen und Pressare

Die Vermeidung von Schwangerschaften beschäftigte die Menschen schon in der Antike. Doch erst mit der Antibabypille gelang der Durchbruch. Dazwischen behalfen sich Frauen mit teils merkwürdigen Methoden. Eine Ausstellung in Wiesbaden nimmt die Besucher mit auf eine Zeitreise.

Von Isabell Scheuplein

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Frauenfreude: Auch ein Apparat zur vaginalen Spülung aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

© dpa

WIESBADEN. Die etwa 20 Zentimeter lange Spritze aus Zinn mutet martialisch an, und eine sichere Schwangerschaftsverhütung war mit ihr auch nicht möglich. Doch Professor Günter Köhler ist trotzdem stolz auf das Stück, auf das Frauen noch im vorletzten Jahrhundert ihre Hoffnungen setzten.

Am Rande eines Kongresses von Gynäkologen, Sexualwissenschaftlern und Beratungsfachleuten präsentierte der Wissenschaftler aus Greifswald am Donnerstag in Wiesbaden eine Ausstellung zur Geschichte der Schwangerschaftsverhütung.

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Marke Frauenlob: Das "Scheidenausspülpulver" sollte die unerwünschten Spermien vertreiben.

© dpa

Der 67-Jährige sammelt seit mehr als zehn Jahren historische Verhütungsmittel. Insgesamt hat er schon 140 Exemplare, darunter Pessare aus schwammartigem Material und "tropenfeste Blausiegelcondome".

Seine Leidenschaft begann, als dem Professor an der Uni-Frauenklinik ein sogenannter Scheidenpulverbläser in die Hände fiel. Eine Methode, die nichts brachte, wie Köhler sagt.

Möglicherweise hat sie sogar das Gegenteil bewirkt, denn das Pulver bestand aus Säure - und anstelle die Spermien abzutöten, könnte es positiv auf die Fruchtbarkeit der Frauen gewirkt haben.

Umgekehrt verhielt es sich mit den Vorläufern der heutigen Spirale. Ursprünglich sollte sie Frauen empfänglicher machen, indem sie die Gebärmutter streckte. Erst nach und nach wurde klar, dass der gegenteilige Effekt entstand.

Aus mehreren Zwischenstufen, teilweise aus Glas und Faden, entwickelte sich das heute gebräuchliche Verhütungsmittel. Köhler hat Vorläufermodelle aus Buchsbaumholz und Elfenbein mitgebracht, denen man ansehen kann, dass zumindest das Einsetzen schon damals keinesfalls schmerzfrei gewesen sein kann.

Eine gängige Methode war auch im 20. Jahrhundert noch die Scheidenspülung, wie Köhler erzählt. Neben der Zinnspritze hat er dazu weitere Vorrichtungen mitgebracht, darunter einen "Frauen-Spülapparat".

Rote Gummischläuche und eine kleine Handpumpe transportierten das Wasser, Auffangbecken gab es auch im Reiseformat.

Die wichtigste Verhütungsmethode für Frauen aber war über die Jahrhunderte hinweg das Stillen, berichtet der Professor. Bis zu vier Jahre lang erhielten die Kinder die Brust - so lange wurden die Frauen oft auch nicht schwanger.

Und da die Geschlechtsreife früher erst nach dem 20. Geburtstag einsetzte, waren im günstigen Fall nicht mehr als vier Geburten möglich, rechnet er vor.

Zum Arzt gehen und sich über Verhütung aufklären lassen - das war früher nicht möglich, wie der Professor sagt. Er zeigt die ersten Bücher zum Thema, die die Autoren unter einem Pseudonym veröffentlichten, da ihnen Strafen drohten.

Zwar konnten Erwachsene in Drogerien, Apotheken oder beim Hausierer Verhütungsmittel erstehen - doch sie mussten nachweisen, dass sie verheiratet waren. "Im Gegensatz dazu ist das heute spielend einfach und sehr sicher", sagt der Professor. (dpa)

Infos zu Kongress und Ausstellung: www.cyou2011.de

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