Ärzte Zeitung, 19.04.2011

Den Zappel-Philipp gab es wirklich

Im Jahr 1845 wurde der Zappel-Philipp erstmals veröffentlicht. Als Vorbild für den Jungen, der heute ein ADHS-Patient wäre, diente der Sohn eines Kollegen von Dr. Heinrich Hoffmann - Arzt und Autor der weltberühmten Geschichte.

Von Pete Smith

Den Zappel-Philipp gab es wirklich

Mit dem "Zappel-Philipp" lernten viele Kinder Tischmanieren.

© Loewes-Verlag

Den Zappel-Philipp gab es wirklich

Philipp Julius von Fabricius war der "Zappel-Philipp". Sein Grab wurde kürzlich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof wieder entdeckt.

© Stadt Frankfurt

"Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?" Jeder kennt die Geschichte vom Zappel-Philipp, die aus der Feder des Frankfurter Arztes und Schriftstellers Dr. Heinrich Hoffmann stammt. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Figur des gaukelnden und schaukelnden, trappelnden und zappelnden Jungen ein reales Vorbild hatte: Ausgerechnet nach einem späteren Kollegen hat Hoffman seinen Zappel-Philipp benannt -nach dem Frankfurter Arzt Dr. Philipp Julius von Fabricius (1839-1911), dessen Grab kürzlich auf dem Hauptfriedhof der Main-Metropole entdeckt worden ist.

Zeitungsartikel brachte Museum auf die Spur

"Die Geschichte vom Zappel-Philipp" wurde erstmals 1845 in dem Kinderbuch-Klassiker "Der Struwwelpeter" veröffentlicht. Wie die Figur des Hanns Guck-in-die-Luft auch charakterisiert der Zappel-Philipp einen Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, weshalb sein Name inzwischen gar als Synonym für ADHS herhalten muss. Autor Hoffmann war von 1851 bis zu seiner Pensionierung 1888 Direktor der "Anstalt für Irre und Epileptische", einer renommierten Nervenheilanstalt in Frankfurt am Main, und gilt als Pionier der Jugendpsychiatrie. Sein "Struwwelpeter" wurde 550 Mal aufgelegt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Dennoch sind die "lustigen Geschichten und drolligen Bilder für Kinder von drei bis sechs Jahren" (so der Untertitel) wegen ihrer den preußischen Erziehungsstil verherrlichenden Botschaft durchaus umstritten.

Recherchen des Frankfurter Struwwelpeter-Museums haben aufgedeckt, dass der vor 100 Jahren gestorbene Arzt Philipp Julius von Fabricius - zumindest eigener Aussage nach - Vorbild des Zappel-Philipps gewesen ist. Ein Zeitungsartikel aus seinem Todesjahr brachte die Philologen auf die Spur. Darin wird berichtet, dass der Ärztliche Verein in Frankfurt seinem Gründungsmitglied Heinrich Hoffmann 1901 ein Denkmal errichten wollte und dafür bei seinen Mitgliedern Geld sammelte. Auch Fabricius versprach eine Spende und zeichnete seine Zusage mit "Urbild des Zappel-Philipps" gegen.

Philipp Julius von Fabricius wurde 1839 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater Friedrich Wilhelm Fabricius war ein Freund und Kollege Heinrich Hoffmanns. Gemeinsam arbeiteten beide in der so genannten Armenklinik, die Hoffmann mit vier anderen jungen Ärzten 1834 gegründet hatte und die mittellose Patienten in Frankfurt und den umliegenden Dörfern betreute. Die Beziehungen untereinander waren so eng, dass man sich auch in der Freizeit traf. Hoffmanns Sohn Carl war im gleichen Alter wie Fabricius‘ Sohn Philipp. Ihr Kollege Dr. Adolf Schmidt wiederum hatte eine Tochter namens Pauline, die den angehenden Kinderbuchautor ebenfalls zu einer Geschichte inspirierte: Als Fünfjährige hatte sie angeblich mit Zündhölzern gespielt und dabei daheim die Gardinen abgefackelt. Anders als in der "gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug" kam Pauline Schmidt mit dem Schrecken davon. Allerdings starb sie zehn Jahre später an Tuberkulose. Auch ihr Grab findet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Geschichten, die nie aus der Luft gegriffen waren

Neben dem kleinen Philipp Fabricius hat offenbar auch ein Bild des Frankfurter Künstlers Heinrich von Rustige Hoffmann zu seiner Zappel-Philipp-Geschichte inspiriert. Der junge Maler kam 1838 an das Städelsche Kunstinstitut und schuf hier im selben Jahr das Ölgemälde "Die unterbrochene Mahlzeit", das heute in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe hängt. Das Bild zeigt eine sechsköpfige Familie am Esstisch, einer der Söhne ist gerade mit seinem Schemel umgekippt und hat dabei Schüsseln und Teller mit sich gerissen. Hoffmann und Rustige waren Freunde und beide Mitglieder der Künstler- und Gelehrtengesellschaft "Die Tutti Frutti und ihre Bäder im Ganges". Zwar hat Hoffmann selbst nie Vorbilder für seine Geschichten genannt; in seinen Lebenserinnerungen heißt es jedoch: "So ganz aus der Luft gegriffen waren übrigens die Geschichten doch nicht, die eine oder andere war doch auf praktischem Boden gewachsen."

Paulinchen, Philipp und der Autor im Tod vereint

Das Grab des Zappel-Philipps ist erst kürzlich entdeckt worden, und zwar von dem Frankfurter Dieter Georg, der sich als "Grabmalpate" um zehn denkmalgeschützte Gräber auf dem 1828 eröffneten Hauptfriedhof kümmert. Unweit der literarischen Vorbilder der "Struwwelpeter"-Geschichten - dem zündelnden Paulinchen und dem kippelnden Philipp - hat auch ihr Schöpfer seine letzte Ruhestätte gefunden.

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