Apotheker plus, 29.04.2011

Frauen geben den Ton an

Sind Pharmazie und Medizin fest in Frauenhand? Betrachtet man heute die große Zahl der Frauen, die diese Fächer studieren, scheint es so zu sein. Dabei besitzen sie das Recht Pharmazie oder Medizin zu studieren, erst seit gut 100 Jahren. Der hohe Frauenanteil verändert diese Berufe inzwischen merklich.

Von Ruth Ney

Frauen geben den Ton an

Die Apotheke: Frauendomäne mit über 80 Prozent weiblichem Personal. Auch knapp die Hälfte aller Chefs sind Frauen.

© Robert Kneschke / fotolia.com

Frauen hatten seit jeher einen wichtigen Anteil an der Geschichte der Heilkunde. Doch mit der Entstehung der Universitäten im 13. und 14. Jahrhundert, zu denen nur Männer zugelassen waren, begann in der Heilkunde eine Professionalisierung, von der Frauen bis Anfang des letzten Jahrhunderts weitgehend ausgeschlossen waren, außer sie arbeiten als Kräuterfrauen, Hebammen, Assistentinnen ihrer Ehemänner oder im Kloster.

Die große Wende kam am 24. April 1899, als die Prüfungsordnung für Ärzte, Zahnärzte und Apotheker neu ausgelegt wurde und damit Frauen zumindest formal für diese Studienfächer zugelassen waren. Zu diesem Zeitpunkt ahnte allerdings noch niemand, dass 100 Jahre später Pharmazie und Medizin einst zu "Frauenfächern" werden könnten.

1911 studierten an deutschen Universitäten 2500 Frauen, davon wählten 20 Prozent das Fach Medizin, aber nur 0,3 Prozent Pharmazie (acht Frauen versus 1012 männliche Studenten). Da der Apothekerberuf zunächst stärker handwerklich geprägt war und Medizin prestigeträchtiger, machten Frauen zunächst nur zögerlich von der Möglichkeit Gebrauch, Pharmazie zu studieren.

Auch waren die männlichen Kollegen oft wenig überzeugt davon, dass Frauen für diesen Beruf geeignet waren, wie viele Zitate aus dieser Zeit verdeutlichen. Die erste Frau, die erfolgreich Pharmazie studierte, war die Apothekerin Magdalene Meub (1881-1966). Sie heiratete später den Apotheker Adolf Neff und leitete mit ihm zusammen eine Apotheke in Donau Eschingen (PZ 01/2000).

Doch die Zahl der Studentinnen stieg trotz anfänglichen Gegenwinds schnell. Schon 1932 lag der Frauenanteil bei knapp 30 Prozent, 1975 studierten erstmals etwa gleich viele Frauen wie Männer Pharmazie (DAZ 47, 2008). Heute sind sogar 70 Prozent der Pharmaziestudierenden weiblich - beim Medizinstudium ist der Frauenanteil mit knapp 63 Prozent ähnlich hoch.

Nach Zahlen der ABDA liegt der Frauenanteil unter allen berufstätigen Apothekern in Deutschland bei etwa 67 Prozent (Stand Ende 2009). Von den in der öffentlichen Apotheke tätigen Pharmazeuten sind 69 Prozent, in Krankenhäusern 60 Prozent und in Industrie, Verwaltung und Wissenschaft 58 Prozent Frauen - allerdings eher selten in führenden Positionen.

Nur unter den Apothekenleitern machen Frauen immerhin inzwischen bundesweit fast 47 Prozent aus.

Der Frauenberuf wird allerdings männlich repräsentiert: Im Gesamtvorstand der ABDA sind derzeit nur 10 der 39 Mitglieder Frauen. Bei den je 17 Apothekerkammern und -verbänden finden sich nur je vier Frauen als Präsidentin an der Spitze.

Erstmals kam 1999 mit Karin Wahl in Baden-Württemberg überhaupt eine Frau an die Spitze einer Kammer. Mit Erika Fink ist derzeit die zweite Frau in der Geschichte der Bundesapothekerkammer an deren Spitze.

"Ich will nicht sagen, dass Männer leichter Männer wählen, aber in aller Regel sind die Männer in der Vergangenheit schon länger in Politik aktiv gewesen und besser vernetzt", erklärt sich Erika Fink den eher geringen Anteil an Frauen in der Standespolitik. "Innerhalb der Bundesapothekerkammer wird allerdings wirklich gleichberechtigt gearbeitet", so ihre Erfahrung.

Dennoch: Mehr Engagement von Frauen in der Berufspolitik fände sie wichtig.

Vergleicht man die Berufschancen von Frauen in den Heilberufen, so gelten sie für Pharmazeutinnen wie auch Medizinerinnen derzeit als sehr gut. Die Pharmazie gilt allerdings als das Studienfach mit der familienfreundlicheren Perspektive, da es zumindest in den öffentlichen Apotheken relativ gute Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit in Wohnortnähe gibt.

Wer als Apothekerin Karriere machen und dennoch Familie und Beruf vereinbaren möchte, hat es jedoch nicht ganz so leicht.

Noch schwerer ist offenbar die Situation für junge Medizinerinnen, wie Untersuchungen belegen. So dokumentiert eine Langzeituntersuchung von Professor Andrea Abele-Brehm, Sozialspsychologin an der Universität Erlangen-Nürnberg, über 13 Jahre einen Schereneffekt bei den Erwerbsverläufen von Frauen und Männern in der Medizin.

Fazit: Medizinerinnen sind bei gleichen Ausgangsvoraussetzungen (Noten, Studiendauer, berufliches Selbstvertrauen) häufiger nicht berufstätig, teilzeitbeschäftigt und seltener in Führungspositionen als männliche Kollegen. Ärztinnen machen auch mehr Abstriche im Privatleben als Ärzte.

Dr. Ulrike Ley, Sozialwissenschaftlerin aus Berlin, sieht Frauen in Medizin und Pharmazie jedoch aufgrund ihrer hoch qualifizierten Ausbildung als die Gewinnerinnen von morgen, da entsprechend ausgebildete Männer Mangelware würden.

Doch gerade in der Medizin sei es für Frauen nach wie vor schwer, Karriere zu machen, bestätigt sie. "Die Tradition, Frauen auszuschließen, ist hier immer noch wirksam. Der Chefarzt sieht im jungen männlichen Bewerber für die Führungsposition sein eigenes jüngeres Selbst und stellt ihn ein, nicht sie.

Für die Qualifikation der Bewerberin ist er oft geschlechtsblind." Doch langsam ändere sich an diesem Punkt etwas, da Männer, die über diese Stellen entscheiden, inzwischen oft auch Väter von Töchtern seien, die selbst Karriere machen wollten.

Bei der häufig gestellten Frage, ob Frauen denn überhaupt Karriere machen wollen, verweist Ley, die auch als Coach für Medizinerinnen arbeitet, auf das Beispiel Norwegen mit einer gesetzlich fixierten Frauenquote von 40 Prozent in der Wirtschaft. "Da hieß es zunächst auch: Frauen wollen ja gar nicht, es gibt keine qualifizierten. Das hat sich als Irrtum erwiesen".

Bei ihrer Arbeit in Mentoring-Programmen hat Ley eine interessante Beobachtung gemacht: "Solange Fleiß und Anpassungsfähigkeit belohnt werden, kommen Frauen gut voran. In der Karriere geht es aber um andere Dinge, um Selbstpräsentation, Durchsetzungsvermögen, Bekanntheit, um das Zeigen von Führungsansprüchen.

Das haben sie - anders als viele Männer, die das schon als Jungs spielerisch üben - nie gelernt. Aber genau das können sie in Mentoring-Programmen ganz hervorragend nachholen." Diese Form der Weiterbildung sei Frauen - Medizinerinnen wie Pharmazeutinnen - daher unbedingt zu empfehlen, wenn sie weiterkommen wollten.

Einig sind sich viele Soziologen darüber, dass sich aber auch die äußeren Umstände wie flexiblere Arbeitszeiten und Kinderbetreuungsmöglichkeiten ändern müssen. So werteten sie in dem BMBF-gefördertes Projekt "Frauen in Karriere" vor allem "Verfügbarkeitserwartungen" als versteckte Diskriminierungsmechanismen.

Ley bestätigt: "Beziehungen verlaufen meist bis zum ersten Kind gleichberechtigt und dann beginnt die Traditionalisierung des Rollenverhaltens - allerdings vor allem bei den Männern."

In Umfragen (Jutta Allmendinger: Frauen auf dem Sprung 2009) sei zum Beispiel ermittelt worden, dass Männer mit Kindern eher mehr als weniger arbeiten wollen. Frauen stellten hingegen die halbe Welt auf den Kopf, um Familie und Beruf zu vereinbaren.

Bei den Arbeitszeiten müsse sich daher jetzt dringend etwas bewegen in Richtung mehr Flexibilität. "Da hilft wiederum ein Blick nach Schweden als Vorbild für flexible Arbeits-Modelle - Führung in Teilzeit ist hier üblich und zwar für Männer wie Frauen."

Für den Übergang plädiert sie für eine Quotenregelung. "Denn erst wenn wir die kritische Grenze von 30 Prozent Frauen in Führungspositionen erreicht haben, wird sich wirklich etwas ändern." Das sei nicht nur wichtig im Rahmen der Gleichberechtigung, sondern gerade in der Medizin auch zum Vorteil der Gesundheitsversorgung, ist Ley überzeugt.

Machen denn Frauen eine andere Medizin?

Nach einer aktuellen US-Studie an der Universität Wisconsin ist zwar nicht davon auszugehen, dass es auffällige Geschlechterunterschiede in Denken, Handeln und Fühlen gibt. Dazu wurden 46 Metaanalysen der vergangenen 20 Jahre untersucht hinsichtlich kognitiver Fähigkeiten, verbaler und nonverbaler Kommunikation, Selbstbewusstsein, Aggressionsbereitschaft Führungsstil, Moral und motorischer Fähigkeiten. Ergebnis: Haben alle Gruppen gleichen Zugang zu Bildung, gleichen sich die Kompetenzen weitgehend an.

Ley verweist jedoch auf zwei Studien, die etwas anderes aufzeigen: Danach behandeln Frauen zum einen geschlechtsneutraler und zum anderen halten sie sich besser an die Leitlinien. Nachgewiesen wurde außerdem, dass Ärztinnen bei der Diabetikerbetreuung eine höhere Compliance und eine bessere Blutzuckereinstellung erreichen als Ärzte.

Dass sich parallel zur Feminisierung des Arztberufs auch die Gender Medicine stark entwickelt, ist für die Sozialwissenschaftlerin kein Zufall. "Es sind auch hier eher Frauen, die das Konzept von geschlechtsspezifischen Besonderheiten in der Therapie verfolgen und unterstützen."

Auch Fink vermutet: Gerade Frauen haben oft eine gute Intuition und eine hohe Sozialkompetenz. "Ich könnte mir vorstellen, dass daher auch Apothekerinnen besser mit Non-Compliance umgehen können, als ihre männlichen Kollegen mit ihrem oft eher autoritären Stil. Das wäre doch vielleicht mal eine Studie wert."

Infos und Bücher zum Thema
1. Netzwerk Healthcare Frauen mit 1. Mentorinnenprogramm für weibliche Führungs- und Nachwuchskräfte
2. Deutscher Pharmazeutinnen Verband 2002 gegründet, 115 Mitglieder, Ziel: Förderung des Berufsnachwuchses
3. Deutscher Ärztinnenbund seit 1924, über 2000 Mitglieder, Ziel Förderung junger Kolleginnen etwa durch ein Mentorinnennetzwerk

Gabriele Beiswanger/Gudrun Hahn/Evelyn Seibert/Ildikó Szász/Christl Trischler,,Frauen in der Pharmazie"
DAV-Verlag 2001, ISBN 978-3-7692-2905-9  Susanne Dettmer/Gabriele Kaczmarczyk/Astrid Bühren

"Karriereplanung für Ärztinnen"/ 2006, Springer-Verlag 978-3-540-25633-4
Ulrike Ley/Gabriele Kaczmarczyk "Führungshandbuch für Ärztinnen", Springer. Gesunde Führung in der Medizin", 2009, Springer-Verlag ISBN 978-3-642-03975-1

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