Ärzte Zeitung online, 21.04.2011

Geben Darmbakterien die Figur vor?

Dick oder dünn? Guter oder schlechter Futterverwerter? Das könnte an den Darmbakterien liegen

Geben Darmbakterien die Figur vor?

Darmbakterien im Fokus: Nach einer aktuellen Studie lassen sich Menschen je nach ihrer Darmflora in drei Typen einteilen, die Nahrung unterschiedlich effektiv in Energie umwandeln.

© Klaus Rose, Bildjournalist

Von Angela Speth

HEIDELBERG. "Ich brauche eine Torte bloß scharf anzugucken, schon nehme ich zu - das muss an den Hormonen liegen", so spekulierte man früher.

In Zukunft könnte man seinen Hüftspeck den Darmbakterien anlasten. Denn nach aktuellen Daten lassen sich Menschen je nach ihrer Darmflora in drei Typen einteilen, die Nahrung unterschiedlich effektiv in Energie umwandeln.

Mit den Resultaten können die Wissenschaftler eventuell erklären, warum manche Menschen wirklich bloß essen wie der sprichwörtliche Spatz, aber trotzdem ständig mit ihren Pfunden kämpfen: Sie haben eine Keimpopulation, die Speisen sehr effektiv verdauen hilft und damit viele Kalorien bereitstellt.

Und umgekehrt hätten die Glücklichen, die bei Tisch zulangen können wie die Scheunendrescher, ohne sich ihre Figur zu ruinieren, eine Bakterienpopulation, die sehr ineffizient arbeitet.

Darmbakterien könnten auch Absorption von Arzneimitteln bestimmen

Doch nicht nur die Verdauung und das Körpergewicht bestimmen die mehr als eine Milliarde Bakterien im Darm eines Menschen möglicherweise mit, sondern zum Beispiel auch die Umsetzung und Absorption von Arzneimitteln.

Das hätte Konsequenzen für die Behandlung bei Krankheiten, erläutern die Autoren. So würden die Ärzte der Zukunft die Dosis eines Medikaments entsprechend dem Darmtyp verschreiben.

Und weiterhin könnte es bedeuten, dass man einen Menschen dereinst über seine Darmbakterien charakterisiert wie heutzutage über seine Blutgruppe oder seine Gewebemerkmale - ähnlich einem biologischen Fingerabdruck. Und möglicherweise beeinflusst die Art des Clusters auch die Anfälligkeit für Infektionen und Giftstoffe sowie die Versorgung mit Vitaminen.

Forscher aus Heidelberg untersuchten 350 Stuhlproben

Diese Untersuchungen, die mit ihrer Tragweite ein beträchtliches Potenzial bergen, stammen von einer internationalen Forschergruppe unter Leitung des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie in Heidelberg (Nature online).

Dafür analysierten die Wissenschaftler die Bakteriengenome in nahezu 350 Stuhlproben von Menschen aus Europa, Asien und Amerika. Sie entdeckten, dass die Zusammensetzung der Keime nicht zufällig ist, sondern sie sich je nach dem Muster drei Enterotypen zuordnen lassen.

Interessant daran: Diese Darm-internen Ökosysteme sind unabhängig von Herkunft, Ernährungsweise, Geschlecht und Alter des Wirts.

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