Ärzte Zeitung online, 26.04.2011

Benghasi: Wurden 400 Kinder absichtlich mit HIV infiziert?

Der libysche Schauprozess gegen bulgarische Krankenschwestern vor einigen Jahren empörte ganz Europa. Der Vorwurf: Sie sollen 400 Kinder mit HIV infiziert haben. Doch nun rebelliert das Volk in Libyen. In Benghasi wächst die Hoffnung, endlich das Geheimnis zu lüften. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf.

Von Anne-Beatrice Clasmann

Wurden die 400 Kinder absichtlich mit HIV infiziert?

Zum Tode verurteilt wurden die im Schauprozess angeklagten Krankenschwestern und der Arzt in Libyen. Auf Druck von verschiedenen EU-Staaten wurden sie 2007 freigelassen und durften das Land verlassen.

© dpa

BENGHASI. Zu den dunkelsten Geheimnissen des libyschen Regimes gehört der Fall der mehr als 400 Kinder, die in einer Klinik von Benghasi mit HIV infiziert wurden. Bis heute ist nicht bekannt, wer die Schuld an dem schrecklichen Schicksal der Kinder trägt. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf.

Für Empörung in Europa sorgte der sogenannte HIV-Prozess in Libyen, bei dem fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt angeklagt waren.

Man warf ihnen vor, die Kinder Ende der 1990er Jahre absichtlich infiziert zu haben, entweder aus Hass auf das libysche Volk oder im Auftrag finsterer ausländischer Mächte. Aus Sicht westlicher Prozessbeobachter wurden sie zu Sündenböcken eines Unrechtsregimes.

Die Wahrheit über das schreckliche Schicksal der Kinder könnte vielleicht schon bald ans Licht kommen - jetzt, wo das Gaddafi-Regime die Kontrolle über die östliche Großstadt verloren hat und die Zeugen von damals ohne Angst vor staatlichen Repressalien sprechen.

Der letzte Geheimdienstmitarbeiter, der in der Klinik aufpassen sollte, dass niemand den Mund aufmacht, sei am ersten Tag des Aufstandes gegen das Regime in Benghasi verschwunden. Das erzählt ein Angestellter der Klinikverwaltung.

Prozess gegen Krankenschwestern sorgte für Aufsehen

In dem kleinen Krankenhaus, das hinter Bäumen und einer sandfarbenen Mauer liegt, herrscht heute wieder Normalbetrieb. In den ersten zwei Jahren nach dem Skandal hatte es noch so gut wie keine Patienten gegeben.

"Nur Notfälle und nur die Ärmsten der Armen kamen, weil die Menschen Angst hatten, sich zu infizieren", sagt Amel al-Saidi, die seit 15 Jahren im Labor der Klinik arbeitet.

Mitarbeiter überzeugt, dass Kinder absichtlich infiziert wurden

Die Mitarbeiterin ist überzeugt, dass die Kinder damals mit Absicht infiziert wurden. Doch wer diesen teuflischen Plan ausgeheckt haben könnte, das übersteigt ihr Vorstellungsvermögen. "Dieses Verbrechen muss auf hoher Ebene geplant worden sein", sagt sie und zupft an ihrem weißen Kittel.

Die Theorie einiger ausländischer Mediziner, die glauben, dass die Katastrophe auf mangelnde Hygiene in der Klinik zurückzuführen sei, schließt sie aus. "Wenn ein Dutzend Kinder infiziert worden wäre, dann könnte dies eine mögliche Ursache gewesen sein, aber über 400, das ist unmöglich."

Denn die infizierten Kinder hätten damals keine Transfusionen mit verseuchtem Blut erhalten. "Es waren Kinder, die bei uns wegen Magen-Darm-Krankheiten behandelt wurden und Infusionen erhielten", sagt sie.

Arzt quälen Erinnerungen an das Leid der Kinder

"Wir müssen unbedingt erfahren, was wirklich passiert ist, es ist sehr wichtig für die Eltern der Kinder und auch für uns Ärzte", sagt Ali al-Tuwaiti. Er hatte als Arzt in dem Kinderkrankenhaus gearbeitet.

Die Erinnerung treibt dem schmalen Mann mit dem akkurat gestutzten Bart die Tränen in die Augen. Seine Unterlippe zittert. Ihn quält die Erinnerung an das Leid der Kinder und die Verzweiflung ihrer Eltern.

Einige Kinder starben, andere leben heute in einem eigens für sie errichteten Zentrum, weitgehend isoliert von der Außenwelt.

"Ich kenne ein Mädchen dort mit HIV, das inzwischen 17 Jahre alt ist, es weigert sich, seine Medikamente zu nehmen, denn es will lieber sterben, weil es in dieser Gesellschaft keine Zukunft für sich sieht", sagt eine Krankenschwester der Kinderklinik.

Mütter verdächtigen die Ärzte

"Mehrere Familien sind zerbrochen, weil die Eltern mit dem Leid und dem Stigma, mit dem diese Krankheit verbunden ist, nicht fertig wurden."

Es ist auch Selbstmitleid, das Al-Tuwaiti weinen lässt. Denn die Familien der infizierten Kinder hatten anfangs auch ihn und die anderen Ärzte der Klinik beschuldigt. Mütter schlugen auf ihn ein. Er fühlte sich wie ein Aussätziger.

Es ist ihm peinlich, vor fremden Menschen zu weinen. Er nimmt die Brille ab und trocknet seine Augen mit einem Papiertaschentuch.

EU-Staaten setzen Freilassung durch

Das ausländische Klinikpersonal wurde damals inhaftiert, gefoltert, zum Tode verurteilt. Nach mehreren Prozessen konnten die Ausländer schließlich auf Druck verschiedener EU-Staaten im Juli 2007 das Land verlassen.

In Bulgarien wurden die Krankenschwestern und der inzwischen von der Regierung eingebürgerte palästinensische Arzt begnadigt und freigelassen. Teil der Vereinbarung, die ihre Ausreise ermöglichte, war eine Zusage Frankreichs, bei der Fertigstellung einer großen Klinik zu helfen, die direkt gegenüber der Kinderklinik liegt.

In dieser neuen Klinik, die 2009 eröffnet wurde und im Volksmund "1200-Betten" genannt wird, liegen heute unter anderem Verletzte, die in Adschdabija und Misurata von den Gaddafi-Truppen verwundet wurden. Der Kinderarzt Ali al-Tuwaiti arbeitet dort jetzt im vierten Stockwerk auf der Kinderstation.

"Die Kinder müssen sich durch Infusionen infiziert haben, aber es kann nicht sein, dass es durch mehrfach verwendete Spritzen geschah, so wie das einige Leute hier in Benghasi behaupten", sagt Al-Tuwaiti.

"Denn wir benutzten fast ausschließlich Plastik-Kanülen, die man nicht mehr als ein Mal verwenden kann." Al-Tuwaiti holt eine Kanüle, um zu verdeutlichen, was er meint.

"Gaddafi muss es getan haben"

Die ausländischen Krankenschwestern seien damals in mehreren Flügeln des Krankenhauses eingesetzt worden. Die Infektionen seien aber nur in einem der drei Fachbereiche aufgetreten, erklärt der Kinderarzt.

Auch deshalb ist er überzeugt, dass es kein Unfall war. Doch wer ist zu so einer grausamen Tat fähig und was könnte sein Motiv sein?

"Es muss jemand gewesen sein, der Chaos stiften wollte oder der einen großen Hass auf die Einwohner dieser Stadt hatte", sagt Al-Tuwaiti und spielt nervös mit seiner eckigen Metallbrille.

Einer der Ärzte, die damals in dem Krankenhaus arbeiteten, wird deutlicher: "(Staatschef) Muammar al-Gaddafi, er muss es getan haben, um diese Stadt zu strafen." Beweise hat er nicht. Seinen Namen will der Mediziner nicht veröffentlicht sehen.

Die Angst vor der Rache des Regimes ist auch in der Rebellenhochburg Benghasi noch immer nicht ganz überwunden. (dpa)

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