Ärzte Zeitung online, 05.05.2011

Sei laut! - Stimmtherapie für Parkinson-Erkrankte

Zittern, Versteifen und starre Muskeln sind typische Symptome von Parkinson. Bei den meisten Erkrankten ist auch die Stimme betroffen - Logopäden können hier mit einer Therapie helfen.

Von Franziska von Tiesenhausen

Sei laut! - Stimmtherapie für Parkinson-Erkrankte

Think loud („sei laut“) empfiehlt Thomas Brauer, Leiter der Lehranstalt für Logopäden in Mainz, den Parkinson-Partienten, damit deren Stimme nicht immer leiser wird.

© dpa

MAINZ. Dass irgendetwas nicht stimmt, fiel Hanns Cronen vor gut fünf Jahren auf, als seine Studenten sich immer häufiger über seine Handschrift an der Tafel beschwerten. Und weil ihm immer öfter die richtigen Worte fehlten in seinen Vorlesungen.

Eine Untersuchung im Krankenhaus brachte Klarheit. Hanns Cronen, Professor für Eisenbahn- und Verkehrswesen, leidet an Morbus Parkinson. "Dass ausgerechnet die Sprache betroffen war, war für mich besonders schlimm", sagt er. "Sprechen war ja für mich meine tägliche Arbeit."

95 Prozent der Parkinson-Patienten bekommen Probleme mit der Stimme

Die Deutsche Parkinson Vereinigung schätzt, dass in Deutschland zwischen 240.000 und 280.000 Menschen an Parkinson erkrankt sind.

Etwa 95 Prozent der Betroffenen hätten zu irgendeinem Zeitpunkt Probleme mit ihrer Stimme, erklärt Thomas Brauer, Leiter der Lehranstalt für Logopäden an der Mainzer Universitätsmedizin. Sie sprächen zunehmend leiser und undeutlicher. Dadurch nähmen auch Artikulationsbewegungen von Kiefer, Zunge und Wangenmuskulatur ab.

"Die Patienten selbst bemerken das nicht und glauben, dass sie nach wie vor gleich laut sprechen", erläutert Brauer. Das Gehirn gewöhne sich mit der Zeit an die leiser werdende Stimme und speichere die geringere Stimmlautstärke als "normal" ab.

Der Patient spreche dann irgendwann so leise, dass er kaum noch verstanden werde. Viele Parkinson-Patienten zögen sich dann sehr stark zurück. Manche litten auch unter Depressionen, berichtet Brauer.

Therapie dauert in Mainz vier Wochen

Seit 2007 gibt es an der Mainzer Universitätsmedizin eine spezielle Therapie, die Abhilfe schaffen soll: Lee Silverman Voice Treatment (LSVT) stammt aus den USA und soll Parkinson-Erkrankten helfen, dagegen anzukämpfen, dass ihre Stimme immer leiser wird.

Mainz war eine der ersten Städte in Deutschland, in der diese Therapieform angeboten wurde. Der erste Teilnehmer dort war Hanns Cronen.

Während der vierwöchigen Therapie kommen die Patienten vier Tage die Woche jeweils eine Stunde lang zum Logopäden und müssen außerdem zu Hause mindestens ein Mal am Tag üben, laut zu sein.

Videos zeigen Therapiefortschritt

Die Motorik müsse ständig trainiert werden, betont Brauer. Dadurch gewöhne sich das Gehirn wieder an die normale Lautstärke. Die Artikulation werde wieder besser. Videoaufnahmen vor und nach der Therapie zeigen den Teilnehmern, welchen Fortschritt sie gemacht haben.

Auch für Cronen war das Video ein Aha-Moment: "Ich hatte das gar nicht gemerkt, dass ich so schlecht und so leise gesprochen habe", erinnert sich der 69-Jährige. "Da war ich dann doch sehr überrascht."

Bundesweit gebe es inzwischen rund 500 Logopäden, die LSVT-zertifiziert seien, sagt Brauer. "Es ist nicht so, dass wir mit dieser Therapie heilen können", erklärt der Lehr-Logopäde. "Mit dem Voranschreiten der Krankheit kann auch die Stimme wieder schlechter werden."

Patienten müssen Stimme trainieren

Nach der Therapie bleibe die Stimme in der Regel sechs bis zwölf Monate stabil. Die Betroffenen müssten aber ihre Stimme regelmäßig und konsequent weiter trainieren, sagt der Experte.

Die Behandlung von Hanns Cronen liegt inzwischen fast vier Jahre zurück. Ein Mal hat er bisher einen Auffrischungskurs gemacht. Für die Therapie würde sich Cronen jederzeit wieder entscheiden.

"Wenn man sich zurückzieht, weil man denkt, es geht nicht mehr so wie früher, dann geht es irgendwann gar nicht mehr." (dpa)

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