Ärzte Zeitung online, 20.05.2011

Lübeck: Protest gegen Tagung zu Intersexualität

Junge oder Mädchen? Nicht bei jedem Baby lässt sich diese Frage so einfach beantworten. Soll man diese Laune der Natur operativ korrigieren oder gibt es ein "drittes Geschlecht"? In Lübeck tagen dazu jetzt Experten, und auch der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich mit der Frage.

LÜBECK/BERLIN (dpa/eb). Bei einem von etwa 5000 Neugeborenen ist nach Schätzungen von Medizinern das Geschlecht nicht klar erkennbar.

Mit neuen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten dieser Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD) befasst sich seit Freitag in Lübeck eine internationale Tagung zum Thema Intersexualität.

Die Betroffenen-Organisation "Zwischengeschlecht.org" rief unterdessen zu Protesten gegen das Treffen auf. Sie wirft den Medizinern "menschenrechtswidrige Genitalverstümmelung an Zwittern" vor.

An der Veranstaltung nehmen bis Sonntag mehr als 120 Wissenschaftler teil, unter anderem aus den USA und Australien.

Interdisziplinäres Team in Lübeck

Seit rund zehn Jahren kümmern sich am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) Kinder- und Jugendärzte, Hormonspezialisten, Chirurgen und Humangenetiker um die Betreuung von betroffenen Familien.

Sie erforschen speziell die Rolle der Hormone bei den meist vererbten Störungen. In ganz Europa gibt es solche Arbeitsgruppen, die im Netzwerk EuroDSD zusammengeschlossen sind und die in Lübeck ihre Forschungsergebnisse vorstellen.

Die Aktivisten von "Zwischengeschlecht.org" dagegen bezeichnen das Netzwerk als eine der "weltweit größten internationalen Genitalverstümmler-Organisationen".

Sie propagiere medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen, die mit der Beschneidung von Mädchen in islamisch geprägten afrikanischen Ländern vergleichbar sei, heißt es in einem Aufruf der Organisation.

Mediziner werben für neue Behandlungsmethoden

"Wir nehmen die Proteste sehr ernst", sagte der Leiter der Tagung, Professor Olaf Hiort von der Klinik für Kinder-und Jugendmedizin am UKSH.

Hiort: "Doch in den letzten 15 Jahren haben sich die Behandlungsmethoden dieser Störungen und auch der Zugang dazu grundlegend geändert. Es gibt schonendere Operationsmethoden, verfeinerte Hormontherapien und vor allem werden die Familien von Anfang an bei der Überlegung einbezogen, welche Behandlungsmethoden infrage kommen."

Die betroffene Kinder kommen mit Fehlbildungen der Hoden, der Eierstöcke oder der äußeren Geschlechtsmerkmale zur Welt. So haben beispielsweise Mädchen eine penisartig vergrößerte Klitoris, ihr inneres Genital und auch ihre sexuelle Identität sind jedoch weiblich. In anderen Fällen produzieren genetisch männliche Kinder keine männlichen Hormone, so dass sie äußerlich weiblich wirken.

"Nicht in allen Fällen muss sofort operiert werden. Aber früher oder später stehen Eltern doch vor der schwierigen Entscheidung, in welchem Geschlecht das Kind aufwachsen soll", sagte Hiort. "Im gewissen Sinne sind es tatsächlich kosmetische Operationen", räumt Hiort ein. "Aber es geht ja auch darum, Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen möglichst nah an der Normalität zu ermöglichen", sagte er.

Thema auch im Deutschen Ethikrat

Auch der Deutsche Ethikrat hat sich des Themas Intersexualität angenommen. Derzeit erarbeite man im Auftrag der Bundesregierung eine Stellungnahme zur Situation Betroffener, teilte das Gremium am Donnerstag unabhängig von der Veranstaltung in Lübeck mit.

In einem mehrstufigen Diskurs, so der Ethikrat, soll ein Dialog mit Betroffenen und Sachverständigen stattfinden. Bereits im Juni 2010 gab es dazu eine Auftaktveranstaltung.

Am 8. Juni dieses Jahres veranstaltet das Gremium in Berlin eine öffentliche Anhörung zu dem Thema. Eingeladen sind Menschen mit Intersexualität und Experten verschiedener Fachrichtungen.

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