Ärzte Zeitung online, 24.07.2011

Grenzerfahrungen auf dem Rennrad

Wer glaubt, dass die Tour de France den Teilnehmern einiges abverlangt, sollte sich mit jemandem unterhalten, der beim Race Across America (RAAM) dabei war. Dr. Michael Nehls, Arzt und habilitierter Molekulargenetiker hat über seine Erlebnisse einen Film gedreht.

Von Jennifer Depner

Grenzerfahrungen auf dem Rennrad

Dr. Michael Nehls auf dem Rennrad.

© Nehls

Die Bedingungen des als offiziell härteste Radrennen der Welt geltenden Großereignisses lesen sich wie eine Aneinanderreihung von Unmöglichkeiten: Eine Strecke von 4800 Kilometern von der Pazifik- bis zur Atlantikküste will gemeistert werden.

Es geht durch die Wüste und über Bergregionen, die bis zu 30.000 Höhenmeter messen. Und die Teilnehmer müssen jeglichen Klima- und Witterungsverhältnissen trotzen - das ist das Race Across America.

Zwölf Tage Zeit haben die Extremsportler Zeit für die Strecke, für Frauen und Männer über 60 Jahre gibt es 24 Stunden mehr. Bei keinem anderen sportlichen Wettkampf ist die Quote der "Do Not Finish" derart hoch: Beim Rennen im Jahr 2010 kamen nur 14 der 30 Teilnehmer ins Ziel.

Das liegt vor allem an der intensiven Belastung des Körpers. Die Hauptgründe für ein vorzeitiges Abbrechen des Rennens sind der extreme Mangel an Schlaf und Regeneration; die meisten Teilnehmer schlafen im Schnitt eine Stunde pro Tag. Auf eine Renndauer von zehn bis elf Tagen sind das insgesamt nur zehn Stunden Schlaf.

Neunmal mehr Schlaf als andere Teilnehmer

Einer, der sich diesen Strapazen im Jahr 2010 schon ein zweites Mal stellte, ist Dr. Michael Nehls aus Baden-Württemberg. Nach der erfolgreichen Teilnahme 2008, bei der er den 7. Platz belegte, veröffentlichte er das Buch "Herausforderung Race Across America".

Darin beschrieb er seine Strategie: Wer am Ende vor allem gesund durchs Ziel fahren möchte, muss seinem Körper ausreichend Schlaf und Ruhepausen gönnen. Insgesamt pausierte Nehls auf seiner zehntägigen Fahrt 91 Stunden - also etwa neunmal so viel, wie andere Teilnehmer.

2010 folgte die zweite Teilnahme am RAAM, diesmal mit der ganzen Familie und einigen wichtigen Freunden im Gepäck.

Das Team, das einen Fahrer während des Rennens ununterbrochen begleitet, mit Nahrung und Getränken versorgt und vor allem mental als große Stütze fungiert, ist für Nehls einer der wichtigsten Bausteine.

Die Familie als Stütze

Sein Team, zu dem auch seine Frau und seine drei Kinder gehören, hilft ihm beim Überdenken seiner Definition vom Sieg, bei den Regenerationspausen und dabei, ausreichend Ruhe bewahren. Das schützt ihn vor einem vorzeitigen Abbruch des Rennens.

Die DVD "Du musst nicht siegen, um zu gewinnen" dokumentiert den Weg von Dr. Michael Nehls und seinem Team durch Amerika und zeigt, um was es ihm persönlich beim RAAM geht.

So finden sich zwischen schönen Landschaftsaufnahmen, wie etwa vom Grand Canyon, vor allem sehr persönliche Einblicke in die Gedankenwelt des mittlerweile 48-jährigen ehemaligen Managers eines internationalen Biotech-Unternehmens.

Beim Kampf gegen jegliche klimatischen, körperlichen und seelischen Strapazen bekommt man einen guten Eindruck vom Rennverlauf und der Organisation.

Michael Nehls als Phänomen

Da der Film mit dem Titel "Du musst nicht siegen, um zu gewinnen" bereits 48 Stunden vor dem Rennen mit seiner Dokumentation beginnt, wird der Zuschauer Zeuge des Phänomens Michael Nehls, der trotz der enormen Belastung des Körpers oft wirkt, als sei er auf einer gemütlichen Radtour mit Freunden.

Als er während des Rennens von seiner Tochter gefragt wird, ob alles in Ordnung sei, antwortet er mit dem Anflug eines Lächelns, dass das rechte Knie etwas schmerze, aber sonst sei alles gut.

Dabei liegen die ersten 1000 Kilometer bereits hinter ihm. Am Ende des Rennens belegte er nach elf Tagen, einer Stunde und 37 Minuten Platz 8.

Was die Dokumentation neben der ausführlichen sportlichen Dokumentation des Rennens so besonders macht, ist die Natürlichkeit von Michael Nehls. Aber auch der vertrauensvolle Umgang mit seinem gesamten Team lässt den Zuschauer fast spüren, er sei selbst ein Teil davon.

Dabei werden vernünftige Gründe aufgezeigt, sich dem RAAM zu stellen und wertvolle Tipps gegeben, wie man dies ohne gesundheitliche Schäden bewältigen kann.

Es bietet eine sehenswerte Grundlage für den Gedanken, dass jeder Mensch mit ausreichend Vorbereitung sein eigenes Ziel erreichen und mit der richtigen Einstellung Berge versetzen kann.

"Du musst nicht siegen, um zu gewinnen", DVD 2010, Produzent: Michael Nehls, Mental Enterprises; Spieldauer 100 Minuten; www.michael-nehls.de

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