Ärzte Zeitung online, 24.07.2011

FAO: Hungerkrise in Afrika war absehbar

ROM (dpa). Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika mit inzwischen zehntausenden Toten war nach Ansicht einer Expertin der Vereinten Nationen schon länger zu befürchten.

"Auch wenn die schlimme Dürre im Mai und Juni nicht voraussehbar gewesen ist, haben wir schon im vergangenen November vor einer Zuspitzung der Nahrungsmittelknappheit - vor allem in Somalia - gewarnt", sagte Hilfsorganisatorin Angela Hinrichs von der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom der Nachrichtenagentur dpa.

Im Süden Somalias gebe es durchaus Landwirtschaft, die man jedoch erst wieder richtig aufbauen müsse, sagte Hinrichs.

Der Anbau - vorrangig von Mais und Hirse - sei vor allem auch durch politische Kämpfe in der Region schwer beeinträchtigt. "Man muss sich einfach klarmachen, dass es sich auch um ein Krisengebiet handelt."

Shaabab verweigert Hilfslieferungen

So hat Somalia, zerrüttet durch Bürgerkriegswirren und Dürrekatastrophen, seit dem Sturz von Diktator Siad Barre 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr.

Besonders kritisch ist die Lage in den von der islamistischen as-Shabaab-Miliz (arabisch für "die Jugend") kontrollierten Gebieten.

Die Miliz kontrolliert weite Teile Südsomalias und will mit Gewalt einen Gottesstaat durchsetzen. Am Freitag hatten Vertreter von as-Shaabab erklärt, keine Hilfsgüter der UN in die betroffenen Gebiete durchlassen zu wollen.

FAO: Nutztiere impfen

Für Hinrichs ist nun ein Wiederaufbau in Somalia entscheidend. "Es ist total wichtig, bestehende Brunnen und Bewässerungskanäle, die eventuell versandet sind oder zerstört wurde, zu rehabilitieren".

Auch für eine Erweiterung solcher landwirtschaftlicher Infrastruktur wolle die FAO sich einsetzen. "Im September ist eine Regenzeit zu erwarten und die muss vorbereitet werden: Es muss sichergestellt werden, dass Saatgut da ist und das die Bewässerung funktioniert".

Ein weiterer Aspekt seien die Nutztiere. "Die landwirtschaftlich genutzten Tiere - vor allem Rinder und Ziegen - sollten möglichst noch vor der Regenzeit geimpft werden, um den Verlust einer weiteren Nahrungsmittelquelle zu vermeiden", erklärte Hinrichs.

Während der Regenzeit würden die ohnehin auch durch die Dürre geschwächten Tiere ein leichtes Opfer von Viren.

Flüchtlingslager müssten vergrößert werden

Hunderttausende von Menschen flohen bereits vor Hunger und Krieg in die Nachbarländer Äthiopien und Kenia, die ihrerseits ebenfalls von der Hungerkrise betroffen sind.

Dies sei ein weiterer Aspekt: So müsse die "Aufnahmekapazität der Länder, die diese Flüchtlinge aufnehmen" geprüft werden. Im größten Flüchtlingslager Dadaab in Kenia campieren derzeit 400.000 Menschen.

Die Vereinten Nationen hatten die Situation am Donnerstag offiziell zur Hungerkatastrophe erklärt. Am kommenden Montag hat die FAO in Rom ein internationales Treffen zur Hungersnot in Ostafrika einberufen, angeregt von Frankreich, das die diesjährige G8- und G20-Präsidentschaft innehat.

"Es geht dabei vor allem darum, zu sehen, was langfristig getan werden kann, um derartige Krisen in Zukunft zu vermeiden".

Mindestens 120 Millionen Dollar (rund 83,5 Millionen Euro) sind laut FAO notwendig, um landwirtschaftliche Soforthilfe in den Krisenregionen am Horn von Afrika zu leisten.

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[25.07.2011, 14:36:39]
Dr. Horst Grünwoldt 
Krisenkontinent Afrika
Natürlich mußte die FAO in Rom die nächste Hungersnot in Somalia beizeiten erkennen. Die Frage ist nur, inwieweit diese große Internationale Organisation sich auch auf eine Nahrungsmittel-Soforthilfe für dieses dauerhaft desolate Land vorbereitet hat?
Solange in den meisten Ländern Afrikas die Subsistenz-Landwirtschaft vorherrscht, wird es gerade auch in Zeiten der globalen Klima-Verschiebungen dort Nahrungsmittel-Knappheit geben.
Kann man dann noch von einer Überproduktion und Mengenbegrenzung der Nahrungsgüter, z.B. der wertvollen Milch, auf der nördlichen Hemisphäre sprechen?
Gewiß nicht, wenn nur hier aufgrund des Klimas und der Böden sowie der Agrartechnologie Nahrungs-Überschüsse produziert werden können.
Diese müssen selbstverständlich auch in Zukunft in geeigneter Form den Ärmsten und Hungernden der sog. "Dritten" Welt zur Verfügung gestellt werden, z.B. das wertvolle Milcheiweiß in Form des ungekühlt transportfähigen Milchpulvers, aus dem dann mithilfe Laktosebakterien gut verdaulicher Joghurt am Ort des Verzehrs hergestellt wird.
Langfristig greifen in diesen Ländern südlich der Sahara aber nur ökologische Maßnahmen zum Erhalt und Ausbau der landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie gegen die fortschreitende Desertifikation.
Dies alles ist den FAO-Funktionären seit Jahrzehnten bekannt.
Dr. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »

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